Hamburg - Polens Chefunterhändler Jan Kulakowski sagte zur "Financial Times Deutschland" vom Montag, der frühe Beitrittstermin vom 1. 1. 2003 müsse eventuell geopfert werden, sollte die EU in entscheidenden Verhandlungspunkten nicht nachgeben: "Wir sind zu Kompromissen bereit, doch nicht in den Grundsatzfragen". Die Direktzahlungen für die polnische Landwirtschaft sind nach den Worten Kulakowskis das heikelste Verhandlungsproblem. Nicht weniger problematisch seien die Punkte freier Landerwerb durch EU-Ausländer, die Öffnung des Binnenmarktes für polnische Arbeitskräfte sowie die nationale Umsetzung europäischer Umweltnormen. Ebenfalls ungeklärt seien die Anforderungen an die Polen zur Sicherung ihrer Ostgrenze, die nach dem Beitritt zur EU-Außengrenze wird. Mit Spannung werden in Polen die nächsten Fortschrittberichte erwartet, die die EU-Kommission am Mittwoch veröffentlichen wird. Die Berichte bewerten die Erweiterungsreife der Aufnahmekandidaten. "Ich bin zuversichtlich, dass die Noten für Polen besser ausfallen werden als im Vorjahr", sagte Kulakowski. Grundsätzlich habe sich das Verhandlungsklima zwischen Warschau und Brüssel verbessert. Die Kommission erkenne die Anstrengungen Polens bei der Rechtsangleichung an. Bis Ende 2002 sollen 200 EU-Gesetze das polnische Parlament passieren. (APA/AP) STANDARD-Redakteur Thomas Mayer über die Ambitionen Polens Hoch über dem Radziwill-Palais in Warschau flattert allen Zweiflern an einem baldigen EU-Beitritt Polens trotzig ein Zeichen entgegen, wie man die Sache an höchster politischer Stelle sieht: Neben der polnischen Nationalfahne flattert über dem fein renovierten Amtssitz des Staatspräsidenten die Nato-Flagge. Solche Demonstrationen der Verbundenheit kann man selbst in den europäischen Gründerstaaten der westlichen Verteidigungsallianz praktisch nie sehen, höchstens an Festtagen der Nato. Aber Aleksander Kwasniewski, der erst vor wenigen Wochen zum zweiten Mal ins Präsidentenamt gewählt wurde, macht schnell deutlich, dass Polen mit der zweihundertjährigen Geschichte seiner Zerrissenheit zwischen Deutschen, Russen und der österreichischen Monarchie eben klare Bekenntnisse und Ziele brauche: "Der EU-Beitritt ist ein Test für uns: Wo will die westliche Bevölkerung uns haben?", fragt er. Bereits 1991 habe Polen einen EU-Beitrittsantrag gestellt. Vor einem Jahr sei es der Nato beigetreten. Aber die eigentliche Sehnsucht der großen Mehrheit der Bevölkerung sei nach wie vor die wirtschaftliche und politische Einbindung in den Westen, meint der Präsident. Das habe man nicht zuletzt im Wahlkampf bestätigt gesehen: Zwei von einem dutzend Kandidaten hätten eine offene anti-europäische (und anti-semitische) Kampagne geführt, seien aber über zwei Prozent nicht hinausgekommen. Alte Versprechungen Dass der Vollzug dieser EU-Integration schon sehr bald erfolgen wird, daran hat der frühere Kommunist Kwasniewski wie auch die gesamte Elite der polnischen Politik - jenseits ihrer jeweiligen ideologischen Position - keinen Zweifel. "Anfang des Jahres 2003 wird Polen bereit sein", dekretiert der neue, konservative Außenminister Wladyslaw Bartoszewski. Sein Präsident sieht es zeitlich nicht ganz so streng. Ob das Land 2003, 2004 zur Union dazu stoße, "darüber kann man diskutieren". Aber spätestens 2005, also vor dem Ende seiner zweiten Amtsperiode, müsse die Sache über die Bühne gegangenen sein. Seit Jahren gelten solche Spielchen mit den Daten für EU-Beitritte als Träumereien in den insgesamt zwölf Kandidatenländern. Die Regierungen in den Unionsländern haben sich nach anfänglichen illusorischen Versprechungen (wie jene von Helmut Kohl und Jacques Chirac, die Polen Mitte der 90er Jahre einen Beitritt im Jahr 2000 versprachen) auf eine andere, vorsichtigere Formel zurückgezogen: Jedes Bewerberland bestimme den Zeitpunkt seines Beitrittes durch die Fortschritte bei den Reformen selbst. Kommissionsbericht positiv Was Polen (und auch Ungarn, Tschechien und Slowenien) betrifft, dürfte sich das Blatt nächste Woche in bezug auf die zeitlichen Perspektiven zugunsten der Kandidaten wenden. Mittwoch wird die EU-Kommission - wie jedes Jahr - die Fortschrittsberichte zum Stand der Verhandlungen veröffentlichen. Und wie im Umfeld von Erweiterungskommissar Günter Verheugen bestätigt wird, werden vor allem Polen ein vergleichsweise sehr gutes Zeugnis ausgestellt, deutliche Reformfortschritte konstatiert werden. Vor allem: Die Kommission will etwas bisher unter Tabu Gestelltes aussprechen und festhalten, dass "die Verhandlungen im Jahr 2002 abgeschlossen werden könnten". Eine solche Erklärung würde voraussichtlich eine gewaltige Dynamik in den gesamten, sehr komplizierten Beitrittsprozess bringen. Denn auch wenn es offiziell stets dementiert wird, so ist in den meisten Staatskanzleien der EU-Länder klar, dass Polen das Schlüsselland schlechthin für die Erweiterung darstellt und in der "ersten Gruppe" sein müsse. Mit fast 40 Millionen Einwohnern ist es nicht nur das weitaus größte Bewerberland. Polen wird aufgrund seines hohen Agraranteils (20 Prozent der Bevölkerung arbeiten noch in der Landwirtschaft) der am schwersten zu bewältigende Brocken im EU-Budget im Zuge der Aufnahme neuer Mitglieder sein. Die Integration der übrigen Kandidatenländer (mit Ausnahme von Rumänien und Bulgarien) fiele dabei kaum ins Gewicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.11.2000)