Er hat die Statur eines Drachentöters, dank regelmäßigen Hantelstemmens. Die Drachen wurden aber nicht mit körperlicher Gewalt angegriffen, sondern mit einem Konvolut aus Nullen und Einsen: Shawn Fanning schrieb das Computerprogramm Napster und brachte damit die Giganten der Musikindustrie ins Wanken. Nicht dass einer schon umgestürzt wäre, doch Zukunftsängste hatten die Riesen schon. Kleine schnelle Säuger waren doch auch der Tod der Saurier, lehrt uns die Evolutionstheorie. Seine Biografie trägt zum Mythos bei: Fanning ist der uneheliche Sohn eines Musikers, den seine Mutter auf einer Party kennen gelernt hat. Er verbrachte seine Kindheit in Pflegeheimen nahe Boston. Shawn hatte aber gute Noten in der Schule. Also bekam er von seinem Onkel, dem Internetunternehmer John Fanning, Computer und Internetanschluss geschenkt. Außerdem nahm der Onkel das junge Talent als Praktikant in seine Firma NetGames auf. So lernte Shawn programmieren. In seinem Zimmer am Campus der Northeastern University in Boston - dort landete er, weil die Ostküsten-Eliteunternehmen das ehemalige Heimkind nicht aufnehmen wollten - schrieb er Napster. "Es ist technisch ein sehr einfaches Programm", sagt Fanning in einem Interview, "wir waren aber die Ersten, die eine Echtzeit-Suchmaschine, eine Chatfunktion und die Möglichkeit des Datenaustausches an einem Ort kombinierten." Am Anfang sei es ein "Spaßprojekt" gewesen. Der Impuls zum Tausch von Musikdateien sei von seinen College-Freunden ausgegangen. Napster Incorporated wurde schließlich, ohne einen einzigen Werbedollar auszugeben, so erfolgreich, dass reihenweise Server zusammenbrachen wegen der hohen Zugriffszahlen. Schließlich trafen die ersten Klagen ein: von der Industrie, aber auch von Musikschaffenden wie der Rockband Metallica oder dem HipHop-Produzenten Dr. Dre. Fanning wurde von den Napster-Usern zum Herausforderer des Drachen hochstilisiert, zum Kämpfer für die Freiheit im Internet. An der Firma Napster, die jetzt mit einem Giganten, dem Bertelsmann-Konzern, eine Kooperation eingehen wird, hält Fanning noch sechs Prozent, Onkel John zwölf. Die Mehrheit gehört heute Risikokapitalgesellschaften. Napster hat durch die Kooperation vor den Drachen kapituliert, heulen weltweit die Gratisblitzer in Internetdiskussionen auf. Die anderen Giganten ziehen die Klagen trotz allem nicht zurück. "Irgendwer muss ja für den Schaden durch die Verletzung des Copyrights bezahlen", ließ der Giganten-Anwalt dieser Tage wissen. Der Programmierer Shawn Fanning? Wohl nicht. Die US-Schallplattenindustrie fordert insgesamt so viel Geld, dass selbst Bill Gates dies nicht begleichen könnte. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe 4.11.2000)