Salzburg - Ansage Paquito D'Rivera: "I am glad to be here tonight, in this wonderful city, famous for the world's greatest composer - Ricky Martin!" Lachendes Salzburg im Jazz-Herbst! Das große Festspielhaus war voll, Veranstalter Johannes Kunz hatte sich als "Einpeitscher" betätigt und trieb das Publikum zum herzlichen Begrüßungsapplaus. Und als Paquito D'Rivera halb bis ganz lustig feixend auf die Bühne kam, standen die Zeichen längst auf Party. Was folgte, war tatsächlich ein über weite Strecken ansprechender Konzertabend. Glücklicherweise hatte D'Rivera keine jener All-Star-Formationen um sich versammelt, die auf der Bühne erst zu proben beginnen müssten, sondern seine Working Group, das seit 1994 bestehende Quintett: Ein elastisches, best- eingespieltes Vehikel führt die Reisen durch die Musiklandschaften Lateinamerikas. Federnder Bossa Nova, Tango, Mambo. Allerlei Cubanismo-Rhythmen, darüber spritzige, kontrapunktisch disponierte Arrangements. Dies alles verfehlte seine Wirkung nicht. Improvisatorisch war der Abstand zwischen dem Chef und seinen Sidemen - am ambitioniertesten noch der feurige Trompeter Diego Urcola - freilich unüberhörbar: Allein der 52-jährige D'Rivera kultiviert an seinen Instrumenten tatsächlich eine eigene Stimme, insbesondere am Altsaxophon, wo er Einflüsse Charlie Parkers mit dem melodiösen Schmelz afrohispanischer Musik fusioniert, dabei jedoch erfindungsreich den gerade in diesem Genre zahlreichen Licks und Klischees ausweicht. Ein niveauvoller, zuweilen mitreißender Gig, hätte man bilanzieren können. Hätte! Denn am Schluss wurde es leider doch noch peinlich: D'Rivera überbrachte eine simpelst verjazzte (ja, genau dieses eigenartige Unwort ist hier wohl angebracht!) Bearbeitung des Adagio- Mittelsatzes aus Mozarts Klarinettenkonzert als Salzburg-Hommage und demonstrierte in einer Klarinettenkadenz, in der er weitere "Mozartianer"-Motive bis hin zur kleinen Nachtmusik hineinpackte, sein Wissen um die abendländische Musiktradition. Auch Kontrapunkt-Vater Bachs c-Moll-Präludium entkam seinem Latin-Jazz-Schicksal nicht. Das Publikum nahm dieses zweifelhafte Geschenk nichtsdestotrotz euphorisch dankend an. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 11. 2000)