Duisburg - Ein Boxer schweigt, verweigert die Auskunft: Als Norbert Grupe, in den 60ern Sportfans vor allem als "Prinz von Homburg" ein Begriff, im Aktuellen Sportstudio auf die frechen Fragen des Interviewers nicht einging, stellte er ein Prinzip des Fernsehens infrage - den endlosen Fluss der Bilder und Töne. Die Szene findet sich wieder in Gerd Kroskes Porträt des bulligen Exzentrikers, Der Boxprinz , der am Montag die Duisburger Filmwoche eröffnet. Das diesjährige Motto des Festivals des deutschsprachigen Dokumentarfilms lautet "Standorte", und der Plural des Begriffs ist dabei Programm: Dokumentarisch zu arbeiten bedeutet immer auch, vermeintlich verfestigte Gefüge aufzubrechen, Strukturen bloßzulegen, die sich unaufhörlich wandeln. Bis 12. November werden also Standpunkte in bewährter Weise revidiert: Der Boxer Grupe lässt sich (auch) als mediale Konstruktion verstehen, während Goran Rebic in seinem auf der Viennale prämierten Film The Punishment nach Serbien reist, um sich dort ein Bild eines Volkes zu machen, das nur jenseits der Eildiagnosen der (Kriegs-)Berichterstattung zu finden ist. Weitere heimische Beiträge stammen von Nina Kusturica ( Draga Ljiljana ), Käthe Kratz ( Abschied - Ein Leben lang ), Rainer Frimmel ( Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre ), Gerald Hötzeneder/Johanna Rieseneder ( Die Anderen ) und Michael Pilz ( Pieces of Dreams ). Darüber hinaus wird es zu Romuald Karmakers Das Himmler-Projekt sowie zur Videoinstallation Ich glaubte Gefangene zu sehen von Harun Farocki, der zudem Ausschnitte aus seinem jüngsten Projekt Gefängnisbilder präsentieren wird, eigene Diskussionsrunden geben. Ein Gespräch mit Christoph Schlingensief zur Wiener Container-Aktion wurde bedauerlicherweise kurzfristig abgesagt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 11. 2000)