Wien - Nahezu alle großen Ballettkompanien zeigen zu Weihnachten den Nussknacker . Die Staatsoper hingegen gibt sich voreilig und brachte schon am Sonntag Renato Zanellas Neufassung unter der musikalischen Leitung von Michael Halász zur Premiere. Wohl um sich von Juri Grigorowitschs 25 Jahre alter Inszenierung abzuheben, hat Zanella einfach das auf E.T.A. Hoffmanns Märchen Nussknacker und Mausekönig basierende Libretto umgeschrieben. Nichts ist geblieben von jener magischen Traumwelt, die einen kindlich zu erstaunen vermochte. Was Zanella da fabriziert hat, ist eine seichte Story, die weder unterhält, noch tänzerisch fesselt. Auch Christof Cremers reduzierte kühle Ausstattung vermittelt nichts Zauberhaftes: historische Kostüme, ein glatter Hintergrund in changierenden Farben, einige Versatzstücke. Wir befinden uns im ausgehenden 19. Jahrhundert, Erbprinzessin Clara-Maria (Simona Noja) feiert am Weihnachtsabend ihren 18. Geburtstag. Geladen sind auch Onkel Drosselberg (Christian Rovny) und Prinz Alexej, nobel interpretiert von Jürgen Wagner. Alexej schenkt der Thronfolgerin als Liebespfand einen Nussknacker (!?). Sie erkennt aber sogleich die große Bedeutung der Puppe. Inmitten des rauschenden Weihnachtsballs fällt eine strenge Dame in Schwarz auf, die aufgeregt mit dem Onkel gestikuliert. Es handelt sich um die "Fee des Nordens" - die einzige interessierende Partie, die Roswitha Over tadellos zur Geltung bringt. Ansonsten nimmt die Handlung ihren kuriosen Lauf. Drosselberg outet sich als Bösewicht, steigt hinab, sammelt in unter- irdischen Kanälen seine Armee. Die Prinzessin wird entführt, in einen Mäuseschlitten verfrachtet, und ab geht es gen Norden. Clara-Marie demoliert ihren Nussknacker und zieht mit ihm Spuren. Der Prinz greift sie auf und rast im Schlitten hinterher. Um die Nationaltänze geographisch richtig anzulegen, wurden die Musiknummern umgestellt. Das stört weiter nicht. Nur was Zanella daraus macht, ist frevelhaft. Dieses Divertissement mit seinen bekannten Charaktertänzen wird bis auf den italienischen und arabischen Tanz als peinliche Gaukelei abgespult. Schließlich: der Norden. Um "Dramatik" aufkommen zu lassen, bedient man sich bei Romeo und Julia . Das macht den Pas de deux zwischen Clara-Maria und Drosselberg nicht spannender. Endlich hat der Prinz seine Geliebte gefunden, erliegt Drosselberg im Kampf. Ein Jahr ist vorüber, wieder wird gefeiert. Wer soll an dieser verstaubten Geschichte Gefallen finden? Es fehlt die Stringenz: Die Ensembleszenen wirken wie zweitrangige Operetteneinlagen; in den Solovariationen vermisst man Bravouröses. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 11. 2000)