Wien - Reservierung im Reich des ewigen Glücks gefällig? Kein Problem! Das Volkstheater hilft: "Sichern Sie sich jetzt Ihren Platz im Paradies, jetzt gleich - im Apfeltal", verkündet da ein Insert, wenn sich zur Erstaufführung des US-Bühnenhits Grace and Glorie von Tom Ziegler der Vorhang hebt. Doch das Elysium muss erst verdient werden. Und da geben wir der Inszenierung der Silvia Armbruster, die mit einem gefeierten Gastspiel von Goethes Wahlverwandtschaften im Rabenhof geglänzt hat, wenig Chancen. Mit der Idee dieser Werbeschaltung, die nicht im Stück steht, hat sie ihr Regiepulver verschossen. Der Rest ist die brave Stückeinrichtung, veredelt mit einem Schuss Tragödie. Aber auch das Bühnenbild (Michael Kraus/Stefan Morgenstern) wird in keinen Kunsthimmel eingehen. Im Bemühen, den simplen Realismus eines alten Bauernhofs zu vermeiden, verliert es sich hilflos im weiten Land zwischen Dalí und Magritte. Da sind die Schubladen in Pappmaché-Wiesen eingelassen, der Kühlschrank steckt hoch oben in einer moosigen Felswand, das Bett thront auf einem Hügel im Grünen. Das soll der Bauernhof sein, auf den sich die 90-jährige Grace zum Sterben zurückgezogen hat. Das Gut ist schon verkauft, rundherum kreischen Kettensägen, rumpeln Bulldozer: Ein Baulöwe lässt die Gegend in das Urlaubsparadies verwandeln, das zu Beginn angepriesen wird. Und eine dilettantische Klangregie versorgt mit dem Lärm. Da herein platzt nun Gloria, die smarte Geschäftsfrau als aktive Sterbehelferin: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Doch hier läuft das nur auf die edle Verlogenheit des Boulevards hinaus. Nichts vom erbärmlichen Sterben, stattdessen eine tumbe, störrische Bäuerin gegen das Gutmenschentum einer gestylten Karrierefrau: eine Hollywood-Konfrontation. Die wirft zwei wunderbare Rollen ab: Mimenfutter. Hilde Sochor ist Grace, die Bäuerin: Die Todesangst nimmt man ihr nicht ab, aber wie sie quengelnd, knarzend und maulend die Tollpatschigkeit der Städterin kommentiert, die ihr da sterben helfen gekommen ist, hat Klasse. Ebenso Babett Arens als Gloria: Faszinierend, wie sie als Societylady im Cocktailkleid mit Kochschürze eisernen Willen zum Guten demonstriert, wie sie allmählich Risse in der Fassade der Erfolgsfrau aufklaffen und dahinter die große Verstörung über den Tod ihres Sohnes aufscheinen lässt. Hut ab vor der Leistung der beiden Damen; aber was für ein Stück! Lothar Lohs
Volkstheater, 7., Am Weghuberpark, 523 35 01.
19.30 (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 11. 2000)