Berlin - Eine bisher unbekannte frühe Erzählung von Anna Seghers (1900-1983) hat der Berliner Aufbau-Verlag zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin herausgebracht. Das Typoskript mit dem Titel "Jans muß sterben" hatte der in Paris lebende Sohn der Autorin, Pierre Radvanyi, erst vor kurzem in dem bei ihm verbliebenen Nachlass seiner Mutter entdeckt. "Eine ganze Zeit lang scheute ich mich - man soll mich verstehen -, in diese frühere Welt meiner Mutter einzudringen. Als sich nun aber ihr hundertster Geburtstag näherte, wollte ich das nicht mehr verschieben", heißt es in einem Nachwort des 74-Jährigen. Seghers wäre am 19. November 100 Jahre alt geworden. Auf der Flucht zurückgelassen Der Text, der keinen Autorennamen trägt, fand sich zwischen anderen Papieren, die Seghers bei ihrer Flucht vor der einrückenden deutschen Wehrmacht nach Südfrankreich und von dort aus nach Mexiko 1940 in Paris zurücklassen musste. Nach Kriegsende habe seine Mutter lediglich Wert darauf gelegt, von dem geretteten Besitz ihre Bücher wieder zu erhalten, schreibt Radvanyi. In einer handschriftlichen Notiz hatte Seghers Ende Mai 1925 den Titel erwähnt. Das Typoskript spreche dafür, dass die junge Autorin die Geschichte für "weit fortgeschritten, wenn nicht für abgeschlossen hielt", meint Seghers-Biografin Christiane Zehl Romero. Die in den USA lebende Literaturwissenschaftlerin wagte sich jetzt als erste an eine, ebenfalls im Aufbau-Verlag vorliegende, umfassende Biografie der Schriftstellerin. "Jans muß sterben" Die Arbeit an "Jans muß sterben" hatte Seghers in ihrer Geburtsstadt Mainz begonnen. Hierhin kehrte Netty Reiling, die erst später das Pseudonym Anna Seghers wählte, nach ihrem Studium noch einmal kurz in ihr jüdisches Elternhaus zurück. Nach der Heirat mit dem Ungarn Laszlo Radvanyi zog sie 1925 nach Berlin. Die Stoffwahl habe den Vorstellungen Seghers entsprochen, die Welt der "Armen und Schwachen" erzählerisch zu entdecken und sie zu der ihres Werkes zu machen, vermerkt Zehl Romero. Die Geschichte führt in das proletarische Vorstadtmilieu. Martin und Marie Jansen knüpfen all ihre Hoffnungen an Jans, ihr Kind. Eher würde die Erde bersten als ihrem schönen, glänzenden Jungen etwas zustoßen. Aber dann müssen sie seinem langsamen Sterben hilflos zusehen. Warum die Erzählung später unbeachtet liegen blieb, konnte auch Zehl Romero nicht herausfinden. Teil 1 der Biografie "Anna Seghers" umfaßt die Zeit von 1900 bis 1947. Teil 2 soll im Herbst 2001 folgen. "Das siebte Kreuz" Der ostdeutsche Aufbau-Verlag hatte als erstes Buch von Seghers sofort nach Kriegsende "Das siebte Kreuz" verlegt. Der 1942 zuerst in englischer Sprache veröffentlichte Bestseller-Roman steht nun am Beginn einer neuen auf 23 Bände angelegten Edition des "Hausverlags" der Autorin. Die Ausgabe soll alle literarischen und theoretischen Schriften - darunter auch bisher nicht gedruckte - sowie die Briefe enthalten. (APA/dpa) SERVICE: Anna Seghers: "Jans muß sterben. Erzählung", 96 Seiten, 218 Schilling; Christiane Zehl Romero: "Anna Seghers", 560 Seiten, 496 Schilling; beide: Aufbau Verlag