Wien - Die österreichische Konjunktur sollte nach einer leichten Abschwächung im nächsten Jahr wieder anspringen, glaubt der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Helmut Kramer. Doch anhaltende Struktur- und Innovationsschwächen vor allem in den mittelständischen Betrieben könnten Österreichs Wirtschaft im europäischen Vergleich mittelfristig bremsen, warnte Kramer am Mittwoch im Club der Wirtschaftspublizisten.

Das Wifo bleibe bei seiner Prognose, dass sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von heuer 3,5 Prozent auf 2,75 Prozent im nächsten Jahr abschwächen werde. Doch er halte dies eher für eine durch teures Öl und Sparpaket verursachte Delle als für einen längerfristigen Trend, weil die gesamte europäische Wirtschaft dank Strukturreformen und New Economy ein höheres Wachstumsniveau erreichen und das Expansionstempo der USA zumindest einstellen werde, sagte Kramer. Währungsprognosen wollte Kramer nicht abgeben, doch geht das Wifo von einer 1:1-Parität zwischen Dollar und Euro im Durchschnitt des Jahres 2001 aus. Das bedeutet, dass der Euro zum Jahresende hin mehr als einen Dollar wert sein könnte.

Sorgenkinder

Sorgen macht Kramer das heimische Leistungsbilanzdefizit, das heuer um zehn Prozent auf 85 Mrd. S (618 Mio. EURO) steigen und damit schon drei Prozent des BIP ausmachen werde, und ein Rückstand beim Produktivitätswachstum gegenüber dem EU-Durchschnitt. Beides deute auf Schwächen in der Unternehmens- und Wirtschaftsstruktur hin. Vor allem beim Einsatz neuer Technologien in traditionellen Mittelstandsbetrieben sei Österreich im Rückstand. Aber auch die Gewerbeordnung sowie Belastungen durch eine zu teure Verwaltung und einen "schlecht konstruierten Föderalismus" seien ein Hemmschuh für das Wachstum. Die gelegentlich diskutierte Zusammenlegung von Bundesländern würde hingegen höchstens zwei Mrd. S bringen und sei daher sinnlos.

Ebenso schädlich seien der fehlende Wirtschaftsunterricht in den Schulen sowie die technologiefeindliche Haltung der Bevölkerung und mancher Medien - frei nach der Devise "Nach Österreich kommt kein Atom und kein Gen rein und kein Wassertropfen heraus", so Kramer. Hoffnung sehe er hingegen bei der von der Regierung geplanten Steigerung der Forschungsquote, die mit zuletzt 1,83 Prozent vom BIP bereits EU-Durchschnitt erreicht hätte. Das Ziel von 2,5 Prozent sei dennoch mit den derzeit vorgesehenen Mitteln nicht erreichbar.

Auch die Steuer- und Abgabenquote, die durch das jüngste Sparpaket einen neuen Rekordstand erreicht habe, ist laut Kramer kein großes Problem für den Standort. Die Budgetsanierung bis zum Jahr 2002 sei wichtiger und werde die Wettbewerbsfähigkeit und damit auch das Wachstum anregen, so Kramer. (ef, DER STANDARD, Printausgabe 9.11.2000)