Einen Tag vor der Wahl greift Wolfgang Petritsch zu blumigen Formulierungen. "Bosnien wird weiter unter dem Wind des Wechsels segeln", hofft der hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft in Bosnien, "das Land steht an einer entscheidenden Kreuzung." Denn heute, Samstag, finden in Bosnien-Herzegowina zum dritten Mal seit der Unterzeichnung des Dayton-Vertrags im November 1995 Parlamentswahlen statt. Endlich, so glaubt der in Bosnien angesehene Österreicher Petritsch, würden die nationalistischen Parteien eine Abfuhr erhalten, die von den Bürgern ersehnte Normalität könnte einkehren, wirtschaftlicher Fortschritt das Denken nach ethnischen Kategorien ersetzen. Gewählt werden die Vertretungen in beiden Landesteilen - der moslemisch-kroatischen Föderation und der Republika Srpska - sowie das Parlament des Gesamtstaates. In der Srpska werden zusätzlich ein neuer Präsident samt Stellvertreter bestellt. Jacques Paul Klein, der höchste UN-Repräsentant in Bosnien, gibt sich auch erstaunlich zuversichtlich für das zerrissene Land, aus dem die Jungen wegen fehlender Zukunftsperspektiven immer noch in Massen davonlaufen. Neue Kennzeichen Für Klein liegt der Fortschritt im Alltag, von ignoranten Westlern unbemerkt: Bosnien hat beispielsweise nun Autokennzeichen, die die Herkunft des Fahrzeughalters nicht erkennen lassen. Computerbestimmte drei Ziffern, Bindestrich, ein Buchstabe (der im zyrillischen und lateinischen Alphabet gleich aussehen muss), Bindestrich und noch drei Ziffern: Schon können Fanatiker nicht mehr wissen, ob sie ein serbisches, kroatisches oder muslimisches Auto vor sich haben. Kein erkannter Feind, keine Gewalt. Oder die neue Flagge. Die UNO hatte einen Wettbewerb für ein Staatssymbol ausgeschrieben. Einzige Bedingung: Dafür darf noch nicht gestorben worden sein. Heute sollte über bosnischen Institutionen eine EU-blaue Flagge mit blassweißen Sternen und einem gelben Dreieck wehen. Oft ist sie allerdings nicht zu sehen. Einig Vaterland muss erst reifen und geliebt werden. Auf Nummerntafeln und Flagge ist derzeit nur die UNO stolz. Oder die Neuordnung der Polizei, die früher kein Garant für Problemlösung, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der Probleme selber war. Aus einer zutiefst korrupten, mies bezahlten Truppe soll nun eine vertrauenserweckende Freund-&-Helfer-Mannschaft werden, über die ethnischen Barrieren hinweg. Alsdann, sagte Klein: Bezahlt die Truppe adäquat, trainiert sie mit Nachdruck nach westlichem Vorbild, und die bosnischen Bürger werden wieder Vertrauen in die lokale Polizei fassen. Sogar eine Grenzschutztruppe mit Zöllnerfunktion entsteht nun und wird teilweise in Graz ausgebildet. Die UNO bezahlt diese Grundlagenarbeit mit dem Schweiß unseres Angesichts. Korruption allüberall Wenn man aber lang genug mit den westlichen Entscheidungsträgern spricht, schlägt die kalte Realität durch. Wie ein Krebsgeschwür durchzieht eine allgegenwärtige Korruption die sich zart entwickelnde Zivilgesellschaft, eine Hand wäscht eben die andere, Schmuggel, Schwarzmarkt und die Mafia, die auch im Parlament sitzt, dominieren, erklären sie. Hass kommt noch dazu. "Bosnien ist ein Patient, der an einer Herz-Lungen-Maschine hängt und dessen Zustand sich langsam verbessert. Ohne Maschine stirbt aber der Kranke, wir sind mechanisches Herz und Lunge, wir müssen bleiben", meint UN-Chef Klein. Und jetzt droht der Westen eben diese lebenserhaltenden Maschinen abzutransportieren, Jugoslawien ist auch ein probater Patient. Wenn das westliche Geld, das Bosnien-Herzegowina am Leben erhält, nach Belgrad umgeleitet wird, stagniert das Land, fürchtet Petritsch. Wenn Jugoslawien hingegen keine Finanzhilfe erhält, bleibt das schwarze Loch des Nationalismus im Herzen des Balkans offen. Summa summarum: Es braucht mehr vom westlichen Geld, Frieden kostet. Die Rechnung, bitte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.11.2000)