Wenn der kleine schwarze Punkt, den Sie auf Ihrem Körper entdecken, bei der leichtesten Berührung mit einem gewaltigen Sprung aus Ihrem Blickfeld verschwindet, dann haben Sie einen Floh. Ein gewisser Charme ist dem nicht abzusprechen. "Viele Weiber, viele Flöhe", seufzte Heinrich Heine, der mit beiden schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Die Jagd nach den Lästlingen verhalf Paaren einst zu amourösen Spielen. Mancher Galan des 16. Jahrhunderts haschte seiner Liebsten den Floh aus der Wäsche und sperrte ihn in einen goldenen Käfig, den er sich um den Hals hängte. Der winzige Blutsauger soff durch die Gitterstäbe hindurch den Lebenssaft seines neuen Herrchens. Vom echten Menschenfloh gebissen zu werden ist mitt-lerweile ein exquisites Vergnügen. Denn Pulex irritans ist in Deutschland vom Aussterben bedroht, seine Eier verschwinden in den Beuteln der Staubsauger. Andere Ge-schöpfe indessen gedeihen prächtig im Lebensraum Mensch. Auf jede einzelne Körperzelle kommen zehn fremde Kreaturen. Ihnen hat die Evolution den Menschen zugewiesen: als Nahrungsmittel und Schlafplatz, als Hoch-zeitsmarkt und Kreißsaal. In der Mundhöhle schiebt sich die harmlose Amöbe Entamoeba gingivalis auf ihren Scheinfüßchen umher. Per-manent verändert sie ihre Gestalt und erreicht eine Spit-zengeschwindigkeit von 2,5 Zentimetern in der Stunde. In den Poren unseres Gesichts gedeiht die friedfertige Haar-balgmilbe Demodex folliculorum. Das durchsichtige Spin-nentierchen trägt acht Stummelbeine und ist ein wenig kleiner als der Punkt hinter diesem Satz. Eine Schwäche für das Biotop Mensch haben auch Fliegen, Mücken, Wanzen, Hefen, Würmer, Urtierchen, Viren, Läuse, Egel, Zecken und Pilze. Manche der Geschöpfe leben in Regionen des Körpers, die man selbst noch nie erspäht hat. Wir sind besiedelt! Ins Positive gewendet: Kein Mensch ist und war jemals allein. Das wirkt sich auf das Selbstver-ständnis des Menschen aus. Wenn er im eigenen Körper nur eine Art unter Hunderten stellt, dann kann keine Rede mehr davon sein, Homo sapiens sei alleinige Krone der Schöpfung. Von den hundert Billionen Organismen, die einen Menschen in ein Ökosystem verwandeln, stellen Bakterien das Gros: Allein auf der etwa zwei Quadratmeter großen Haut eines Menschen leben so viele Mikroben wie Menschen auf der Erde. Diese Winzlinge sind nicht alles - aber ohne sie wäre alles nichts. Ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen den unsichtbaren Besiedlern und dem Körper ergibt jenen Zustand, den man Gesundheit nennt. Wird die Balance zerstört, dann kann ein 0,000.000.000.000.01 Gramm leichtes Bakterium einen 100.000 Gramm schweren Menschen ins Jenseits befördern. Einige Besucher des Menschen - etwa Mücken und Läuse - gehören zu den gefährlichsten Tieren der Welt, übertragen sie doch Malaria, Typhus, Gelbfieber und die Pest. Je näher uns Tiere stehen, desto befremdlicher erscheinen sie. Der so genannte Ungezieferwahn, eine seit kurzem auch unter jüngeren Menschen vermehrt auftretende Psychose, hat schon manchen in das Irrenhaus gebracht. Die Phobie vor Keimen führt zu bizarren Zwängen: Die Betroffenen stehen zehn Stunden unter der Dusche und scheuern sich den Körper mit Desinfektionsmitteln wund. Um Bakterien, Viren, Insekten, Einzellern oder Spinnen-tieren Gutes abzugewinnen, braucht es offenbar ein über-natürliches Maß an Objektivität. Und doch: Die überwälti-gende Mehrheit der Besiedler und Besucher im Biotop Mensch ist ziemlich harmlos und sogar nützlich. Die Ge-schichte vom Leben auf dem Menschen erzählt vor allem von Bewohnern, die sich gerade dann richtig wohl fühlen, wenn es auch ihrem Wirt gutgeht: Milliarden von Bakterien bestimmen beispielsweise das flüchtige Reich der Körper-düfte. Sie zersetzen die geruchlosen Sekrete des Menschen und produzieren dabei Gerüche, die im Sexual- und Sozialleben eine wichtige Rolle spielen. Die Bakterien in den Hautdrüsen sind daher klassische Symbionten - wir geben ihnen ein Zuhause, sie schenken uns Geruch. Wieder andere Keime sind wahre Gesundheitserreger: Ortsansässige Bakterien bilden auf der Haut eine Schüt-zenlinie, um andere, schädliche Mikroorganismen abzu-wehren. Einheimische Bazillen fördern die gesunde Ent-wicklung des Darms, regeln Teile der Verdauung und ver-sorgen den Wirt mit Nährstoffen sowie Substanzen wie Vitamin K, B2, B6 und B12. Schätzungsweise 500 Bakteri-enarten entfalten im Darm eine biochemische Aktivität, die größer ist als jene der Leber. Mikroben trainieren das Immunsystem - und schützen den Menschen dadurch sogar gegen Krebs. So lautet das faszinierende Fazit einer Studie, die eine Gruppe um den Göttinger Medizinprofessor Klaus Kölmel vor kurzem veröffentlicht hat. Die Ärzte befragten rund 600 Menschen, die am Schwarzen Hautkrebs (Malignes Melanom) erkrankt waren, und zur Kontrolle etwa 600 gesunde Menschen. Waren die Krebspatienten in ihrem früheren Leben häufiger an bakteriellen und viralen Infektionen erkrankt als die Vergleichspersonen? Das Gegenteil ist der Fall: Die gesunden Menschen schlugen sich in ihrem Leben häufiger mit Infektionen herum als die Melanom-Patienten. Überstandene Mikrobenattacken, so scheint es, schützen vor Hautkrebs. "Die Auseinandersetzung mit Keimen trainiert das Immunsystem, und eine geübte Abwehr erkennt eher Krebszellen", erklärt Klaus Kölmel den heilsamen Effekt von Bakterien. Der englische Mönch Ro-ger Bacon schliff im 13. Jahrhundert Glaslinsen für Brillen. Wenig später kam es in Mode, eine kleine Lupe bei sich zu tragen. "Flohgläser" nannte man die daumengroße Metallrohre mit einer Linse am Ende. Noch zur Goethe-Zeit verstieß es nicht gegen die guten Sitten, sich auch in vornehmster Gesellschaft gegenseitig nach Ungeziefer abzusuchen und die winzigen Peiniger mit Pinzetten aus Elfenbein zu entfernen. Damals galten stark verlauste Herren als besonders potent, weil die Läuse angeblich die schlechten Säfte absaugten. Fast scheint es, mit unseren kleinen Freunden verhielte es sich wie mit Kindern: Ohne sie wäre unser Dasein ärmer, dunkler und einsamer. Und ähnlich wie wir unsere Gene an die nächste Generation geben, vererben Mutter und Vater dem Nachwuchs ihre persönliche Flora und Fauna. Bereits mit dem Durchtritt durch die Scheide nimmt das Neugeborene mütterliche Bakterien auf, die sich sogleich rasch vermehren. Vom ersten Schrei an lassen die Bewohner den Menschen nie mehr allein. (Jörg Blech, DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 11./12.11.2000).