Wien - Zunächst hat die Ankündigung, der Taubenvergifter vom Dienst, Georg Kreisler, habe eine Oper geschrieben, - um eines seiner Bonmots zu plagiieren - eigentlich das Schlimmste hoffen lassen. Nun nach der Uraufführung seines Aufstandes der Schmetterlinge lässt sein schüchternes Geständnis, er habe noch zwei weitere in der Lade, eigentlich das beste befürchten. Zumal das Ensemble NeTZZeit in den immer mehr und mehr zur desolaten Wanzenburg verlotternden Sofiensälen eine schwungvolle Produktion auf die schiefe Bühnenebene gebracht hat. Auf einer solchen schiefen Bahn scheint Kreisler schon seit längerem künstlerisch in seine frühen Jahre zurückzukollern, in denen er in Hollywood nolens volens als Dirigent und Arrangeur tätig war. Denn mit seinem Erstling hat er eine Partitur abgeliefert, deren Professionalität allen Respekt verdient und überdies noch den Vorzug hat, ein absurd witziges Libretto von Georg Kreisler zu besitzen. Bizarres "Capriccio" Man könnte es als bizarre Variante des Capriccio von Richard Strauss bezeichnen. Also: Im ersten Akt werden ein Komponist, an dem zwei Erschießungsversuche durch eifersüchtige Damen missglücken, und ein Autor, der selbiges aus dem gleichen Grund ebenso ergebnislos an seiner Gemahlin versucht, Freunde und beschließen nach Afrika zu emigrieren, um eine Oper zu schreiben. Dort entrinnen sie im zweiten Akt nur knapp der Ermordung durch die revoltierende Urbevölkerung. Zuletzt landen sie im Altersheim, wo ein Brief der Met einlangt, in dem sich das ehrwürdige Institut bereit erklärt, das Werk uraufzuführen. Jedoch nur unter Bedingung, dass der Komponist schon tot ist. Um diese Voraussetzung zu erfüllen schluckt dieser Zyankali, das sich zum traurigen Happyend als wirkungslos erweist. Ein allfälliger Verdacht, dieser Aufstand der Schmetterlinge habe nun also nur zur Strafe, weil Georg Kreisler noch am Leben ist, in den Sofiensälen und nicht an der Met stattgefunden, darf jedoch besten Gewissens zerstreut werden. Kreislers Umgang mit dem Orchester ist in der Weise, wie er Klangfarben einsetzt und die Stimmen führt, so schlüssig und flüssig wie uneinheitlich. Doch so großzügig er sich stilistisch zeigt, wenn er zwischen Weill, Puccini, Verdi und Bernstein changiert, so wenig scheint er melodisch in Geberlaune. "Gefährliche Längen" Die vielen Rezitative, Ariosi und Ensembles, die Kreisler generös zu entwickeln versteht, wecken jedoch meist erst durch die in den Text verpackten Seitenhiebe auf EU und Weltwirtschaft das Interesse - "Der Tod ist ein Meister aus Davos" - "Europa. Ein Boden ohne Fass, ein Maulkorb ohne Hund. Bequemlichkeit der Millionäre." Wenn dann während mancher "gefährlicher Längen" im zweiten und dritten Akt auch der Text auslässt, dann verlieren sich die Klänge des von Alexander Drcar zu Präzision und Drive getrimmten Orchesters des Öfteren funktionslos im Plüsch. Und das mit Anna Maria Prammer, Priti Coles, Bea Robein, Andreas Jäggi und Andrew Murphy gut gewählte Ensemble ist in Nora Scheidls poppigem Ambiente allein auf Michael Scheidls Inszenierung angewiesen. Sie sorgt für klare und verständliche Abläufe, meidet Geschmacklosigkeiten und findet zu einem eindrucksvollen Schlussbild, nachdem die Mitwirkenden und vor allem Kreisler herzlich gefeiert wurden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 11. 2000)