Genf - Pommes und Pizza, Fernsehen und Faulenzen sind - im Überfluss - ein ziemlich sicheres Rezept für eine Killerkrankheit, die bereits 150 Millionen Menschen weltweit befallen hat: Diabetes. Die Zahl der Zuckerkranken explodiert nicht nur, weil der häufige Typ-II-Diabetes eher im Alter auftritt, sondern vor allem, weil der westliche Lebensstil mit fettem Essen und wenig Bewegung immer mehr Anhänger findet. Wenn das so weiter geht, sind in 25 Jahren bereits 300 Millionen Menschen Diabetiker, warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) anlässlich des Welt-Diabetes-Tages am 14. November. "Lauft mehr und esst weniger" rät der Präsident des internationalen Diabetes-Verbands, George Alberti, eindringlich. Vor 15 Jahren wurde die Zahl der Diabetiker weltweit noch auf 30 Millionen geschätzt. Die Krankenzahlen steigen seither dramatisch, weil es nicht mehr eine Krankheit der Reichen ist, die viel Geld für gutes Essen ausgeben, sondern immer mehr eine Krankheit der Armen. "Wenig nahrhaftes Essen ist billig, der Besuch im Fitnessclub dagegen teuer", sagt die Diabetes-Expertin der WHO, Gojka Roglic. Vierthäufigste Todesursache Vor allem in Entwicklungsländern, in denen Millionen Menschen in die Städte drängen, sei Diabetes dramatisch auf dem Vormarsch. "In den westlichen Ländern sehen wir bereits eine Tendenz zu einem gesünderen Lebensstil. Dort ist die Epidemie auf der Höhe angelangt, in Entwicklungsländern beginnt sie erst", sagt Roglic. In den meisten Industrieländern ist Diabetes bereits die vierthäufigste Todesursache. Die Behandlung von Diabetikern frisst in vielen Ländern schon zehn Prozent der nationalen Gesundheitskosten auf. Die höchste Diabetikerrate hat zurzeit Papua Neu Guinea mit 15,5 Prozent, gefolgt von Mauritius, Bahrain, Mexiko und Trinidad und Tobago. Absolut leben die meisten Diabetiker in Indien (32,7 Millionen), China (22,6 Millionen) und den USA (15,3 Millionen). In Deutschland gibt es nach Schätzung des Deutschen Diabetiker-Bundes rund fünf Millionen Betroffene. "Wir müssen den Leuten einen gesünderen Lebensstil beibringen", sagt Verbandspräsident Alberti. Der Verband schlägt einen Vier-Punkte-Plan vor: eine ausgewogene Diät, Sport, regelmäßige Kontrollen beim Arzt und ein aktives Freizeitleben. Dies gelte sowohl für Gesunde, die der Krankheit vorbeugen wollten, als auch für Betroffene. Diabetes kann nicht geheilt werden, aber jeder Diabetiker könne ein aktives Leben führen. Viele wissen es gar nicht Der Diabetes-Verband schätzt, dass die Hälfte aller Diabetiker sich ihrer Krankheit gar nicht bewusst sind. Deshalb sei es besonders wichtig, regelmäßig den Blutzucker messen zu lassen, besonders, wenn Diabetes in der Familie schon vorkam. Anzeichen für eine Zuckerkrankheit sind heftiges Schwitzen, viel Durst, schnelle Ermüdung und in aller Regel Übergewicht. "Je früher Diabetes entdeckt wird, desto besser kann es behandelt werden", sagt Roglic. In Europa sterben drei Viertel der Diabetiker an Herz-Kreislaufkrankheiten. Das Risiko, daran zu erkranken, ist bei Diabetikern bis zu fünf Mal höher als bei gesunden Menschen. Jeder zweite Diabetiker hat Herz- oder Nierenschäden, eine Nervenkrankheit oder Sehstörungen. Vorbeugung und Früherkennung Auf Vorbeugung und Früherkennung zielen die Verhütungskonzepte ab, die derzeit in großen klinischen Studien getestet werden. Der Wiener Experte Univ.-Prof. Dr. Rudolf Prager: "Wenn jemand bereits eine Insulintoleranz aufweist, kann man vor allem nicht-medikamentös eingreifen. Das sind spezielle diätetische Maßnahmen mit einer Ernährung mit viel weniger Fett und körperliche Aktivität. Wahrscheinlich sind es nämlich nicht die Kohlenhydrate, sondern das Fett, das den Diabetes auslöst." Die Schutzrate durch solche Programme beträgt rund 50 Prozent. Dazu reichen schon eine "Mittelmeer-Diät" und drei Mal wöchentlich Fitnesstraining aus. In Erprobung befinden sich auch verschiedene Medikamente. Zusätzlich sollte der Blutdruck auf einen Wert von 130/80 mmHg (oberer/unterer Wert, Anm.) gebracht werden. Voraussetzung dafür wäre aber - so die Fachleute bei dem Hintergrundgespräch des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten - die frühzeitige Diagnose des Vorstadiums der Typ-2-Zuckerkrankheit. Prager: "Jeder Mensch ab 45 sollte zumindest alle drei Jahre seinen Nüchtern-Blutzucker testen lassen. Er sollte nicht mehr als 126 Milligram pro Deziliter Blut betragen." Risiko Risikopersonen sind Menschen mit Übergewicht, Bluthochdruck, Frauen, die während der Schwangerschaft vorübergehend Diabetes entwickelten, Menschen mit Fettstoffwechselstörungen und Personen, bei denen im Verwandtenkreis die Zuckerkrankheit auftrat. Die Behandlungsmöglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren verbessert. In wissenschaftlichen Studien werden auch ganz revolutionäre neue Ansätze erprobt. Hier einige der Projekte, die vor wenigen Tagen beim Jahreskongress der Diabetologen in Mexiko vorgestellt wurden:
  • In etwa einem Jahr soll eine für drei Tage ins Unterhaut-Bindegewebe eingeführte Mini-Sonde ständig den Blutzucker messen. Das soll den Diabetikern in Zukunft das mehrmalige Stechen in die Fingerkuppen ersparen.

  • Schon in den nächsten Jahren soll das inhalierbare Insulin (keine Injektionen mehr) breit auf den Markt kommen. Es wird in Österreich im Rahmen einer internationalen Studie an derzeit mit gutem Erfolg an 20 Patienten erprobt. Die Inhalationsgeräte sind aber noch unhandlich.

  • Neue Medikamente wie die "Glitazone" verbessern die Wirkung des körpereigenen Insulins an den Muskeln. Das verringert die Insulinresistenz.

  • Rund 70 Prozent der Typ-1-Diabetiker verwenden bereits so genannte Insulin-Analoga. Das sind in ihrer Aminosäure-Zusammensetzung veränderte Gentechnik-Insuline, die entweder besonders rasch und kurz oder besonders lang wirken. Das bringt den Betroffenen vor allem mehr Lebensqualität. So können die Patienten beispielsweise ein "Dessert-Insulin" (extrem kurz und schnell wirksam) sogar noch unmittelbar nach dem Essen spritzen. Sie müssen nicht schon vorher die Dosis berechnen, sondern können exakt jene Menge Insulin injizieren, die genau den konsumierten Kohlenhydraten entspricht.
(dpa)