Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Zinsen nach Einschätzung der Mehrzahl der zwölf von vwd Euro intern regelmäßig befragten EZB-Watcher vorerst nicht erhöhen. Acht der Umfrageteilnehmer erwarten in den kommenden ein bis drei Monaten keine geldpolitische Straffung. Vier Ökonomen sagen noch im Laufe dieses Jahres eine Anhebung des Zwei-Wochen-Refi-Mindestbietungssatzes auf fünf Prozent voraus, unter ihnen Christoph Weil von der Commerzbank. "Die EZB wird die Zinsen nicht wegen der Konjunktur anheben", sagte Weil. Vielmehr dürfte das inflationäre Umfeld die Zentralbank zu einem solchen Schritt bewegen. "Wir (die Commerzbank) rechnen damit, dass die Kernrate weiter steigt und noch 2000 die EZB-Zielmarke von zwei Prozent erreicht. Dann muss die Zentralbank handeln", erwartet Weil. Stefan Schneider von Deutsche Bank Research sieht in den nächsten ein bis drei Monaten keine Bewegungen an der Zinsfront. Auf Sicht von einem halben Jahr prognostiziert er dann allerdings einen Zinsschritt von 50 Basispunkten. Schneider sagt für 2000 ein BIP-Plus von 3,5 Prozent und für das Folgejahr von 3,4 Prozent voraus. Stefan Bergheim, Ökonom bei Merrill Lynch, erwartet vorerst Zinsruhe. Wirtschaftswachstum in Euroland wird sich abschwächen Während das Geldmengenwachstum oberhalb des EZB-Referenzwerts und das inflationäre Umfeld für eine geldpolitische Straffung sprächen, dürften die Wirtschaftswachstumsaussichten in Euroland die EZB von Zinserhöhungen Abstand nehmen lassen. Bergheim prognostiziert, dass sich das Wirtschaftswachstum in Euroland von einem starken Anstieg um 3,5 Prozent im laufenden Jahr auf plus 2,9 Prozent 2001 abschwächt, im Vormonat hatte er hier noch eine Erhöhung um 3,2 Prozent erwartet. Sein Haus habe nun auf die Dämpfung der Weltwirtschaft sowie auf die schwächer als erwartet ausgefallenen Frühindikatoren in der Eurozone reagiert. Die OPEC-Politik dürfte dafür verantwortlich zeichnen, dass der private Verbrauch 2001 lediglich um 3,0 Prozent und nicht wie zuvor angenommen um 3,2 Prozent zulegt. In Euroland kann Bergheim abgesehen von den Ölpreisen keine Inflationsgefahren erkennen, und auch die EZB lasse durchscheinen, sie konzentriere sich auf die Kern- Teuerungsrate. Joachim Fels von Morgan Stanley hat ebenfalls seine Wachstumsvorhersagen im November nach unten korrigiert. Statt eines Anstiegs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,4 Prozent im laufenden Jahr sieht er nur noch eine Erhöhung um 3,4 Prozent und für 2001 statt eines Plus von 3,4 Prozent nur eine Zunahme um 2,9 Prozent. Im Gegensatz zum Barclays-Capital-EZB-Watcher zeigt sich Joachim Fels, Volkswirt bei Morgan Stanley Dean Witter, sehr optimistisch hinsichtlich der Aussichten für die europäische Gemeinschaftswährung. Er rechnet damit, dass der Euro-Dollar-Wechselkurs binnen sechs Monaten die Parität erreicht. (APA/vwd)