München - Der Internationale Rat für Denkmalpflege ICOMOS sieht das Kulturerbe in vielen Ländern bedroht. Die Bilanz des jetzt vorgelegten ersten "Weltreports" über Denkmäler in Gefahr reicht von der Zerstörung archäologischer Stätten durch Raubgrabungen und der Plünderung von Kirchen für den Kunsthandel bis zu den zum Teil verheerenden Folgen des Massentourismus, sagte ICOMOS-Präsident Michael Petzet in München. Vor allem der Tourismus beute in vielen Ländern die Kulturdenkmäler aus, ohne einen ernsthaften Beitrag zum Schutz und zur Erhaltung des Kulturerbes zu leisten, kritisierte der frühere bayerische Denkmalchef. "Rücksichtlose Erneuerungsprozesse und planlose Zersiedelung" Weltweit gefährdet sind nach Meinung der Denkmalschützer historische Stadtkerne und Altstädte, "die zum Teil schon seit Jahrzehnten unter rücksichtlosen Erneuerungsprozessen und der planlosen Zersiedelung ihres Umfeldes leiden". Auch die traditionelle ländliche Architektur - ein reiches historisches Erbe - drohe in vielen Ländern ganz zu verschwinden und mache den üblichen Betonkonstruktionen Platz. Gefährdet seien auch viele Zeugnisse der Industriegeschichte und einzelne architektonische Meisterwerke des 20. Jahrhunderts. Zu den besonderen Risiken für das Kulturerbe gehöre zudem eine Reihe von Staudamm-Projekten wie die in der Türkei und in China. "Skandalöse Zustände in Pompej" Selbst in der Unesco-Liste des Weltkulturerbes verzeichnete berühmte Denkmäler, historische Stätten und Kulturlandschaften sind laut Petzet keineswegs alle außer Gefahr. Der "Weltreport 2000" weist hier auf eine Reihe von Beispielen und zeigt unter anderem in Text und Bild "die skandalösen Zustände in Pompej". Darüber hinaus belasteten das starke Bevölkerungswachstum und die rapide wirtschaftliche Entwicklung in Verbindung mit immer kürzen Zyklen von Abbruch und Neubau die Umwelt und führten zu immer größerem Landverbrauch, dem auf Dauer ganze in Jahrhunderten gewachsene historische Kulturlandschaften zum Opfer fallen. "Weltreport" als dringender Appell Dem 1965 gegründeten Internationalen Rat für Denkmalpflege (International Council on Monuments and Sites) gehören 6.000 Mitglieder in 107 Nationalkomitees und 21 wissenschaftlichen Komitees an. Die nicht-staatliche Organisation setzt sich weltweit für Schutz und Pflege von Denkmälern, archäologischen Stätten, Ensembles und Kulturlandschaften ein. In Zukunft soll jedes Jahr ein neuer Report folgen. Der "Weltreport" versteht sich nach den Worten Petzets auch als dringender Appell an die Weltöffentlichkeit, sich in Zukunft mehr als bisher für die Rettung des bedrohten Kulturerbes einzusetzen. (APA/dpa)