Berlin - Knapp 40 Jahre nach der Markteinführung der ersten Antibabypille könnten zahlreiche Frauen von einer lästigen Begleiterscheinung des Hormonpräparats befreit werden: In diesen Tagen kommt in Deutschland eine neue Verhütungspille auf den Markt, bei der es keine Gewichtszunahme geben soll. In Österreich wird dieses Präparat im Oktober kommenden Jahres erhältlich sein. Durch das Mittel, das unter den Namen "Yasmin" und "Petibell" vertrieben wird, bleibt das Körpergewicht nach Angaben des Herstellers Schering Deutschland GmbH stabil. Experten sehen darin eine wichtige Erweiterung im Spektrum der Verhütungsmittel, warnen aber vor zu viel Euphorie. "Die Pille ist kein Zaubermittel", meint der Berliner Gynäkologe Gerd Merder. In Deutschland ist die Antibabypille heute das am häufigsten angewendete Verhütungsmittel - noch vor dem Kondom. Laut einer Umfrage der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nahmen 1998 rund 58 Prozent der 20- bis 44-jährigen Frauen die Pille. Bei den jüngeren Frauen verhüteten sogar mehr als 80 Prozent mit dem Hormonpräparat. Immer wieder klagen Frauen, welche die Pille einnehmen, jedoch über leidige Gewichtsprobleme. Dies soll nun vorbei sein. Kleine Revolution Das neue hormonelle Verhütungsmittel enthält laut Hersteller ein Gelbkörperhormon (Gestagen), das dem natürlichen Hormon im Körper der Frau ähnlicher ist als alle bisherigen Wirkstoffe. Das neue Gestagen Drospirenon verhindere östrogenbedingte Wassereinlagerungen im Körper, die bei zahlreichen Frauen zur Gewichtszunahme führt, betont der Konzern - und feiert sein Produkt als "kleine Revolution". Experten bleiben dagegen zunächst zurückhaltend. Wenn Patientinnen mit Gewichtsproblemen tatsächlich geholfen werden könne, dann sei dies eine "gute Sache", meint Fachmann Merder. Ob die neue Pille wirklich so durchschlagenden Erfolg hat, müsse aber erst der "Großfeldversuch" in der Praxis zeigen. Auch Thomas Rabe von der Deutschen Gesellschaft für Gynakologie und Geburtshilfe ist mit Prognosen vorsichtig. Zunächst müssten epidemiologische Daten abgewartet werden, schließlich seien bisher nur einige hundert Frauen untersucht worden. In einem Punkt sind sich die Experten und der Hersteller aber einig: Je weniger Nebenwirkungen die Pille hat, desto besser wird sie von den Frauen angenommen. Auch Martin Brandt vom Berufsverband der Frauenärzte sieht darin einen wesentlichen Punkt für die Akzeptanz der Pille: "Schließlich sind für manche Frauen schon zwei, drei Kilogramm mehr Gewicht eine Katastrophe." Als mit "Anovlar" 1961 in Deutschland die erste Pille auf den Markt kam, mussten die Frauen noch viel mehr Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Sie klagten beispielsweise über Gefäßprobleme, Übelkeit, Kopfschmerzen. Durch verbesserte Inhaltsstoffe und wesentlich geringere Hormonmengen wurden die modernen Pillen immer verträglicher. Die hochwirksamen Medikamente sind freilich nicht frei von Nebenwirkungen. Die Verschreibung muss individuelle erfolgen. Dabei sollte vor allem auf ein mögliches Thromboserisiko geachtet werden. (APA)