In ihrer zweiten Arbeit an der Berliner Schaubühne untersucht die Choreographin Sasha Waltz das "S", das alle Körper antreibt.
Ein Ereignis, findet Cornelia Niedermeier.
Berlin - Am Boden liegt ein nackter Mann. Eine Frau nähert sich, streicht über die Haut des Liegenden, die Wirbelsäule entlang, die Lenden hinab. Er streckt den Körper, dehnt ihn der Hand entgegen. "S" heißt die neue, die zweite Produktion der Choreographin Sasha Waltz für die Schaubühne, die sie gemeinsam mit Ostermeier, Hillje und ihrem Ehemann Jochen Sandig seit einem Jahr leitet. Wofür "eS" steht? Ein weites Feld. S wie Scheiße, schlägt Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung vor, S wie Schande fällt Jochen Schmidt in der FAZ ein. Wenig Gnade fand Sasha Waltz' stiller Abend vor den gestrengen Blicken der Kritik. Das erstaunt. Desto mehr, als die neunzig Minuten dauernde Vorstellung von einer seltenen Konzentration, einer seltenen dramaturgischen Stimmigkeit getragen wird. Einer Gabe des aufmerksamen Blicks, wie sie neben Waltz heute nur Pina Bausch auszeichnet. Wieder, wie bereits in Körper (anfangs ebenfalls mäßig aufgenommen, heute einstimmig bejubelt), blickt Waltz auf den menschlichen Leib. Weshalb sich die acht Tänzer - vier Frauen, vier Männer - meist nackt über die Bühne bewegen. Nach dem rationalen Studium von Körper , das das Publikum emotional zu Distanz anhielt, konzentriert sich Waltz dieses Mal auf des Leibes kreatürliche Sinnlichkeit. Auf den Körper in der Motorik des Triebs, das Zucken und Sehnen, das Jucken und Stöhnen. Der Abend folgt rhythmisch dem Bogen des Liebesaktes: ruhig beginnend, später die seltsamen Paarungsmuster des kopfbeschwerten Tieres Mensch im Sekundenraffer komprimierend. Zuletzt nüchtern. Immer aber genau und selbst im ironischsten Moment verblüffend ernst. Kaum nachvollziehbar, wie eine Produktion von einer derartigen tänzerischen und choreographischen Präzision, der einen jahrelangen Triumphzug durch die internationalen Festivals zu prognostizieren kein Wagnis darstellt, auf solch hämische Kritik stößt. Teilweise (will man sich psychologischer Vermutungen enthalten) mag sie Waltz' Arbeitsweise geschuldet sein. Für Waltz nämlich stellt die Premiere lediglich einen - frühen - Schritt innerhalb eines endlosen Bearbeitungs-und Verfeinerungsprozesses dar. Die diesem Artikel zugrunde liegende Vorstellung war die dritte, vier Tage nach der Premiere. Eine um zahlreiche Szenen gestraffte, bereits stark bearbeitete Version von "S". Was auch immer das heißen mag. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 11. 2000)