Es gibt praktisch kein politisches - also öffentliches - Thema, zu dem sich die Abgeordneten im EU-Parlament normalerweise nicht lautstark zu Wort melden wollen. Eigentlich ist nur eine Sache davon ausgenommen. Die Frage, was Europapolitiker denn so verdienen, wie sie mit Spesen, Reisekostenersatz, Pauschalsätzen etc. umgehen. Da werden manche Abgeordnete ganz still, andere geben pathetische Erklärungen zu der, ach!, so gewaltigen Belastung ab, die der Europajob mit sich bringt. Nur die allerwenigsten (hier sei der Grüne Johannes Voggenhuber ausdrücklich erwähnt, der gegenüber dieser Zeitung komplett offen legte) trauen sich, Transparenz nicht nur zu predigen, sondern darauf auch im parlamentarischen Geschehen zu drängen. Die große Mehrheit der Straßburger Versammlung jedenfalls übt sich vor allem beim Nehmen. Dort hat sich mit den Jahren ein völlig undurchschaubares Kostenersatzsystem entwickelt, das beträchtliche "schwarze" Geheimbezüge erlaubt. 150.000 Schilling netto pro Monat sind leicht möglich. Der jüngste, von Präsidentin Fontaine orchestrierte Vorstoß zur Verbesserung der Lage ist ein nur sehr zweifelhafter Beitrag zur Lösung. Er schlägt im Schnitt für fast alle von den 626 Abgeordneten deutliche Gehaltsanhebungen vor, ohne aber gleichzeitig konkrete Pläne zur Beseitigung des Spesenmissbrauchs zu definieren. Für die Regierungen in den Mitgliedstaaten, die einer neuen Regelung zustimmen müssen, ist so etwas kaum ein Anreiz. Gewiss: EU-Abgeordnete sollen gut verdienen. Wenn Politiker aber in Zeiten wankender Pensionssysteme für sich selbst eine Frühpension mit 55 Jahren ins Auge fassen, wie das geschehen ist, dürfen sie sich nicht wundern, wenn ihnen der Wind ins Gesicht bläst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.11.2000)