Nach einigen anstrengenden Tagen - vor allem für Journalisten - ist die Hälfte der COMDEX vorüber. Ob die Eröffnungs-Keynote am Sonntagabend nun von 12.000, 16.000 oder gar 20.000 Zuhörern besucht wurde, ist wohl weniger entscheidend. Fakt ist: die 21. COMDEX platzt aus allen Nähten. Die Show erstreckt sich längst über die ganze Stadt und das Convention Center ist das Zentrum des Chaos. Wartezeiten auf ein Taxi von bis zu 90 Minuten sind keine Ausnahme, die Shuttlebusse zur Sands Expo, wo unter anderem die "Linux Business Expo" untergebracht ist, sind hoffnungslos überfüllt und ein Parkplatz rund um das Messegelände kostet locker $10 und mehr. Unübersichtlich Nicht nur, dass quasi jeder Zugang zur Ausstellung hat und die Messe sehr unübersichtlich geworden ist. Für die Presse bedeutet die COMDEX vor allem, flexibel sein zu müssen. Die Ausstellung selbst ist fast uninteressant. Viel wichtiger sind die kleinen Spezialmessen. Ob Digital & Mobile Focus, Imagescape 2000, Lunch@Piero's oder andere Veranstaltungen - für Presse und geladene Gäste gibt es zahlreiche dieser Sonderveranstaltungen über die ganze Stadt verteilt. Das heißt morgens Pressefrühstück im Flamingo Hilton, mittags Medialunch im Mirage und abends noch eine Cocktailstunde im Rio. Und dazwischen Pressekonferenzen, Open-Booth-Events und andere Termine. Nicht, dass Sie jetzt denken: "Haben die es gut!". Im Gegenteil! Ständig geht es um knallharte Informationen, um Neuvorstellungen und Fachgespräche. Das Essen ist Nebensache - oder sollte es zumindest sein. Um das auch wirklich zu gewährleisten, kann man es auch machen wie Sony am Montagabend - die Häppchen reichten nicht mal eine Viertelstunde, viele gingen hungrig nach Hause! Zumeist kompetent Besonders die Minimessen sind einen Besuch durchaus wert. Zwanzig oder mehr Aussteller, machmal über fünfzig, präsentieren sich der Presse, die Aussteller sind zumeist kompetent (was man vom Standpersonal nicht immer sagen kann) und es kommen echte Gespräche auf. Schade nur, dass immer mehrere Events gleichzeitig stattfinden! Aber o.k., Sie haben ja Recht: Auch der Spaß kommt in Las Vegas selten zu kurz. Dafür sorgen schon die berühmt-berüchtigten Parties der Aussteller. Es gilt nur, eine Einladung zu ergattern. So feiert CoderWeavers am Mittwochabend im Stratosphere im 103. Stock. EDS feierte sogar im Flughafenhangar. Wer etwas auf sich hält, muss hier natürlich dabei sein. Proritäten Doch es gilt, Prioritäten zu setzen. Es ist Messehalbzeit und so langsam macht sich Erschöpfung breit. Die meisten Unternehmen haben ihre News unter die Pressevertreter gestreut. Und das Hetzen von einem Termin zum anderen, mit nur drei Stunden Schlaf von der Party am Vorabend zum Pressefrühstück am Morgen, das hinterlässt bei einigen doch deutliche Spuren. Obwohl - glaubt man den alten Hasen, so war früher alles besser. Die Parties waren noch Parties und keine PR-Events. Mal wieder geistern die alten Stories von Michael Dell durch den Raum, der bei einer Party freiwillig in den Pool gesprungen sein soll, nachdem vorher alle namhaften CEOs in den Pool geschmissen wurden. Er wollte angeblich dazu gehören. Die COMDEX hat längst andere Dimensionen angenommen. Nicht umsonst ist sie ein wichtiges Konjunktur- und Trendbarometer der Branche, gerade für Nordamerika. Und viele News werden uns im März wieder begegnen, wenn sie auf der CeBIT den Weg nach Europa finden. Selbstfindung Aber die COMDEX hat auch Probleme mit der Selbstfindung. Klar, sie ist 21. Und das bedeutet auch in Amerika Volljährigkeit. Aber E-Business, Linux und OpenSource haben die Tradeshow in den letzten Jahren überrollt. Niemand unter 18 ist in den Messehallen erlaubt. Nun gibt es aber durchaus CEOs von Startups, die gar jünger sind. Und das Image der meisten Linux-Gurus passt nicht so recht in das Bild der schönen heilen Business-Welt. Daher hat die "Linux Business Expo" (schon der Name spricht Bände) auch einen eigenen, abgeschlossenen Bereich auf dem Sands Expo Gelände. Und eigene Keynotes der etwas anderen Art ... Doch die Veränderungen sind unübersehbar, und die Konkurrenz von Veranstaltungen wie der Internet World ist hart. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie sich die COMDEX entwickelt. Dabei ist das Event viel mehr als eine einfache Messe: ein umfangreiches Konferenzprogramm ist der eigentliche Clou der Veranstaltung. Und was vielfach übersehen wird: viele Aussteller haben in den Hotels und Casinos eigene Suiten angemietet, wo die wirklichen News gehandelt und die VIPs empfangen werden. Zwar klagen die Casinos gerne darüber, dass die Besucher der COMDEX zu wenig Geld an den Spieltischen lassen - sie können sich einfach ihre Chancen ausrechnen! Aber die Stadt profitiert enorm von dem Besucherstrom, von den Unternehmen und der Veranstaltung als solche. Rechtzeitig zur COMDEX steigen die Zimmerpreise gewaltig. Gerade zur COMDEX haben die Taxi- und Busfahrer so viel zu tun wie sonst nie. Und auch die Bars und Sexshows sind sehr begehrt ... Die 22. COMDEX wird kommen, sie wird noch größer sein als die jetzige. Und wieder werden alle jammern. Ich werde mich jetzt seelisch-moralisch auf die nächste Presseveranstaltung vorbereiten ;-) (von Markus Stolpmann, eBusiness Consultant, Autor und Fachjournalist)