Wien - Österreichs System der Lohnverhandlung erweist sich als ein außerordentlich leistungsfähiges, resümierte Franz Traxler, Industriesoziologe an der Universität Wien, ein Ergebnis aus einer noch vom früheren Verkehrs-und Wissenschaftsministerium geförderten und am Donnerstag präsentierten Studie zu dem Thema: "Ökonomische Internationalisierung, institutioneller Strukturwandel und Demokratie". Die Studie entstand als internationales Projekt in Kooperation der Universitäten Wien und Minnesota. In einem Vergleich von 20 OECD-Ländern seit den 70er-Jahren hätten sich jene Lohnverhandlungssysteme im Hinblick auf Produktivität und Inflation am effizientesten erwiesen, die eine gesamtwirtschaftlich orientierte Koordination beinhalten, dabei aber Akteure der Betriebsebene in den Prozess mit einbinde. Zusätzlich hätten sich Systeme mit Lohnführerschaft, in der bestimmte Sektoren Standards vorgeben, als zusätzlicher Vorteil erwiesen, weil sei zu vorsichtigen, gesamtwirtschaftlich sensiblen Lösungen führen, so Traxler. Unkoordinierte, dezentrale Systeme wie in den USA oder Großbritannien hätten demgegenüber ebenso zu mittelfristig stärker steigenden Lohnstückkosten geführt wie vollkommen zentralistische Lohnakkordierungen. Fallbeispiel Dabei sei die Lohnpolitik das einzige Fallbeispiel für einen direkten Zusammenhang zwischen der Ausgestaltung industriedemokratischer Institutionen und ökonomischer Effizienz. Für andere Modelle von Mitsprachechancen für Arbeitnehmer hätte sich kein Einfluss auf die Performance belegen lassen, so Traxler. Im Umkehrschluss bedeute dies, dass der von der Globalisierung ausgehende Druck zur Effizienzsteigerung kein Bedrohungspotenzial für Mitbestimmungsmodelle darstelle. Dies gelte auch für Österreichs Sozialpartnerschaft.

In einem weiteren Teil der Studie wurde der Frage nachgegangen, ob nicht im Standortwettbewerb ein Druck zu immer niedrigeren wirtschaftsdemokratischen Standards ausgehe. Eine Analyse konkreter Standortauswahlen von US-Konzernen in Europa während der 80er-Jahre zeigte dabei aber, dass in jene Länder investiert wurde, in denen die Arbeitskosten deutlich höher waren als in den USA. Offenbar, so Traxler, werde die Attraktivität von Standorten vor allem durch die Qualifikationsniveaus bestimmt. Zudem fielen Standortentscheidungen in einem zweiteiligen Prozess: Zunächst fiele die Entscheidung über Makro-Märkte, also etwa zwischen Europa und Asien, Wettbewerb passiere dann innerhalb dieser. Traxler: "Wir konkurrieren nicht mit Indien, sondern in einem europäischen Kontext." (jost, DER STANDARD, Printausgabe 17.11.2000)