Foto:eboy
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Bei der zehnten Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises für Verdienste um die Menschenrechte, die im Oktober stattfand wurde die UNO-Berichterstatterin für Gewalt an Frauen, Radhika Coomaraswamy ausgezeichnet. Die aus Sri Lanka stammende Wissenschafterin hat das UNO-Mandat seit 1994 inne und wird das Amt noch bis 2003 ausüben. Anlässlich der Preisverleihung sprach sie mit Elisabeth Boyer und Yvonne Giedenbacher . dieStandard.at: Würden Sie sich selbst als Feministin bezeichnen? Coomaraswamy : Ich war immer involviert in die Frauenbewegung. Falls "Feminismus" meint, Frauen die Kraft zu geben, selbst über ihr Leben zu entscheiden und ein Leben ohne Gewalt und Diskriminierung zu führen, ja, dann bin ich eine Feministin. dieStandard.at: Was sagen Sie zur Verleihung des Bruno Kreisky Preises? Coomaraswamy : Ich fühle mich natürlich sehr geehrt. Dieser Preis ist nicht nur für mich, sondern für viele engagierte Frauen-Organisationen. dieStandard.at: Was werden Sie mit dem Preisgeld machen? Coomaraswamy : Ein Teil des Geldes wird an einen Fonds für den Frieden in Sri Lanka gehen. dieStandard.at: Sie sind seit sechs Jahren Berichterstatterin und werden es noch bis 2003 sein. Was werden Sie dann beruflich tun? Coomaraswamy : Ich bin Wissenschafterin. Meine Aufgabe als UN-Berichterstatterin ist freiwillig und unentgeltlich. Mein Hauptberuf ist das Lehren. dieStandard.at: Sie arbeiten schon so lange mit dem Thema Gewalt. Kommt da nicht irgendwann der Punkt, wenn mensch einfach nicht mehr daran weiter arbeiten kann und will? Coomaraswamy : Es ist eine sehr deprimierende Aufgabe, mit Opfern von Gewalt in Kontakt zu treten. Aber ich habe auch viele Frauen getroffen, die unglaublicher Gewalt ausgesetzt waren, aber sehr stark daraus hervorgegangen sind. Und das wirkt sehr inspirierend. dieStandard.at: Beispiel "Beijing plus 5": Zum ersten Mal wurde Genitalverstümmelung als Verbrechen bewertet. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wurde nicht beschlossen. Coomaraswamy : Sexuelle Autonomie ist ein großes Thema. Die Kontrolle über die weibliche Sexualität ist einer der Hauptgründe für repressive Gesetze. Die Taliban sagen, sie machen ihre Gesetze für die Sicherheit von Frauen. dieStandard.at: Skurril ist aber, dass zum Beispiel die Katholische Kirche und viele Staaten weiterhin an der konventionellen Familie festhalten, gleichzeitig wird die Mehrheit aller Gewalttaten an Frauen innerhalb der Familie begangen. Coomaraswamy : Die Familie hat für die meisten Frauen auf der Welt große Bedeutung, weil das ihre Realität ist, viele von ihnen haben kein öffentliches Leben. Natürlich kann dieFamilie - egal ob im traditionellen Sinn oder gleichgeschlechtlich - auch ein Ort der Geborgenheit sein. Zur selben Zeit ist es ein Ort, an dem viel Missbrauch stattfindet. Und das müssen wir bekämpfen. dieStandard.at: Was war Ihre schwierigste Situation? Coomaraswamy : Meine Reise nach Ruanda. Ich begegnete dort einer Art von Gewalt, die ich nie zuvor für möglich gehalten hatte. dieStandard.at: Was war ihre größte Herausforderung? Coomaraswamy : Den Regierungen bewusst zu machen, dass Gewalt an Frauen ein wichtiges Thema ist. Heute ist jedem bewusst, das Gewalt falsch ist, aber was kann mensch gegen diese Gewalt tun, wenn Justizsystem und Polizei von Männern dominiert werden. dieStandard.at: Vielleicht ist es so ein großes Problem, weil so wenig Frauen in der Politik sind? Sogar in der UNO sind Frauen unterrepräsentiert. Coomaraswamy : Die UNO ist eine sehr klassische bürokratische Institution. Früher waren nur 4 Prozent Frauen im Top-Management. Heute sucht die UNO aktiv nach Frauen, aber der Frauenanteil ist noch immer nur knapp an die 20 Prozent. Die UNO reflektiert nur die realen Machtverhältnisse. dieStandard.at: Wann wird es die erste UNO-Generalsekretärin geben? Coomaraswamy : Ich glaube, es wird in der nächsten Amtsperiode sein. Es gibt einen starken Druck innerhalb der UNO. Außerdem werden schon jetzt einige der großen Abteilungen der UNO von Frauen geleitet. dieStandard.at: Ihr UNO-Mandat ist ehrenamtlich. Sie haben im Augenblick also zwei Berufe. Coomaraswamy : Ja. Die UNO stellt auch nur einen Assistenten zur Verfügung. Da haben wir wieder diese typische UNO-Situation: Diese großen Ideen, wie "Special Rapporteur", und dann stellen sie nicht einmal die nötigen Ressourcen zu Verfügung, um ein effektives System daraus zu machen. dieStandard.at: Worte wie Scham und Ehre spielen bei der Unterdrückung von Frauen eine große Rolle. Wie kann mensch damit umgehen? Coomaraswamy : Scham ist eines der wichtigsten Mittel zur Kontrolle von Frauen. Auch im täglichen Leben werden Frauen dadurch kontrolliert. Die Ehrenmorde sind dabei eine extreme Konsequenz dieser Kontrolle. Die Verankerung der Frauenrechte bedeutet eine große Herausforderung für die Bildung. Dabei ist es aber auch nötig mit den Männern zu arbeiten. Denn die männliche Ehre ist in vielen Gesellschaften mit der Sexualität ihrer Frauen verbunden. Der Kampf dagegen ist ein langer und harter Kampf. Religion, Ideologie und Tradition stehen oft der Gleichberechtigung im Weg. Ich glaube, das ist die größte Herausforderung für das 21. Jahrhundert. Wie Frauenrechte diesem kulturellen Relativismus widerstehen können. dieStandard.at: Was sagen Sie zur neuen konservativen Regierung in Österreich? Coomaraswamy : Ich kenne die Situation in Österreich nicht gut genug, um etwas dazu zu sagen. Aber für die neue Regierung ist Österreich international bekannt (lacht). Aber ich bin gegen jede Art von Chauvinismus und ethnische Ausgrenzung. dieStandard.at: Sie sind auch Direktorin des Internationalen Zentrums für ethnische Studien in Colombo. Wie beurteilen Sie die Menschenrechtssituation in Sri Lanka? Coomaraswamy : Sri Lanka steckt mitten in einem bewaffneten Konflikt und das selbst bringt jede Menge Menschenrechtsverletzungen mit sich. Durch die Regierung und durch Gegner der Regierung. Wir haben also das "Verschwinden" von Personen, Mord und Folter. dieStandard.at: Wie sieht die Situation für Frauen in Sri Lanka aus? Coomaraswamy : Der Krieg bringt auch Gewalt gegen Frauen mit sich. Vor allem in den Kriegsgebieten, aber auch die allgemeine Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft wird durch den Krieg befördert. dieStandard.at: Im Parlament in Sri Lanka gibt es ja, soviel ich weiß, nur 4 -5 Prozent weibliche Abgeordnete. Coomaraswamy : Ja. Und nach der letzen Wahl wird es noch schlimmer. Und das ist wirklich ein Problem. Wir versuchen, so etwas wie eine Frauen-Quote durchzusetzen.