Die Übergänge von den monarchistischen zu den demokratischen Systemen am Anfang des 20. Jahrhunderts haben sehr begrüßenswerte Erweiterungen der politischen Rechte des Bürgers mit sich gebracht. Wie in Österreich die Republik als historische Errungenschaft - wenn auch mit dem zwischenzeitlichen Rückfall von 1938 bis 1945 - außer Frage steht, tut sie es in Deutschland. Selbst Russland lenkte ja, nach dem langen Umweg des kommunistischen Totalitarismus, 1989 zu den Grundsätzen eines demokratischen Staatswesens ein. Gesellschaftliche Umbrüche von derartiger Tragweite bringen gewisse Kulturverluste vielleicht unvermeidlich mit sich. Es würde wohl einen ganzen zweiten Louvre füllen, was die französischen Revolutionäre von 1791 im Rausch der Freiheit und im Mangel jeder kulturgeschichtlichen Verantwortung zu Schutt und Asche gemacht haben. Aber irgendwann, gerade in Frankreich, verflog die Illusion, dass man an den unterdrückerischen Feudalherren Rache nimmt, indem man die von ihnen gehorteten kulturellen Schätze zerstört. Dann setzt sich die Erkenntnis durch, dass diese Schätze das eigene kulturelle Erbe bilden. Es regt sich eine Verantwortung für den Erhalt dieses Erbes. Sogar in Österreich. Soll sein, dass die Touristenströme durch Schloss Schönbrunn gelotst werden, sofern das den Erhalt des Gebäudes sichert. Prunk charakterisierte den Lebensstil der Monarchen, und ein Lustschloss als Sommerwohnsitz, vom Steuerzahler finanziert, stünde weder einem Bundespräsidenten an noch einem Bundeskanzler. Gleichermaßen ist es eine demokratische Selbstverständlichkeit, dass die beweglichen Kunstschätze eines Landes der Öffentlichkeit zugänglich sind und durch die Einhebung von Eintrittsgeldern in den Museen erhalten werden. Aber der Staat kann die Verantwortung nicht abschütteln. Es war deshalb nicht untertrieben, als der damalige Wissenschaftsminister Erhard Busek, zuständig für die Österreichische Nationalbibliothek, von einer Schande für die Republik sprach, als er - in diesem Moment mit gespaltener Seele - vor zehn Jahren die neu ins Leben gerufene Aktion Buchpatenschaft begrüßte. Das heißt, er begrüßte die Aktion und kritisierte einen Staat, in dem eine derartige Aktion überhaupt notwendig ist. Es ist keine Frage, dass, wenn etwa der Zugang zur medizinischen Versorgung weiter verteuert wird, in einer steuerlich gleichzeitig immer schwerer belasteten Bevölkerung die Nachbarschaftshilfe zunähme. Das wäre erfreulich im selben Sinn, in dem die Aktion Buchpatenschaft als Initiative einer engagierten Hofrätin erfreulich ist. Ohne sie hätten einige Tausend einzigartige Druckwerke aus den Beständen der Nationalbibliothek nicht restauriert werden können. Aber ob dieser Freude kann nicht vergessen werden: Die budgetäre Auszehrung der Nationalbibliothek in einem Maße, dass sie nicht nur ihre Funktion als Gedächtnis des Landes für die künftigen Generationen nicht zu erfüllen vermag, sondern dass ihren Hütern auch das noch zwischen den Händen zerfällt, was frühere Generationen (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 11. 2000)