Tel Aviv - Mit dem israelischen Raketenangriff auf den Gaza-Streifen, dem bisher schwersten Militärschlag gegen die Palästinenser, haben die blutigen Konfrontationen einen neuen Höhepunkt erreicht. Israelische Kommentatoren beschreiben die immer weiter eskalierenden gewaltsamen Auseinandersetzungen nun erstmals als "begrenzten Krieg" oder "Zermürbungskrieg". In einem Punkt sind sich alle Beobachter einig: Die Aussichten für den Nahost-Friedensprozess sind mehr als düster. Beide Seiten vergraben sich immer tiefer in ihren Positionen. Palästinenser-Präsident Yasser Arafat kann sich, auch angesichts der schweren Verluste auf der palästinensischen Seite, nicht mit weniger als einem eigenen Staat im gesamten Westjordanland und Gaza-Streifen ohne jüdische Siedlungen und mit Ostjerusalem als Hauptstadt zufrieden geben. Besonders angesichts der jüngsten Unruhen ist jedoch in Israel eine Räumung von Siedlungen und Teilen Jerusalems intern kaum durchsetzbar. Jedes Todesopfer schürt den Hass Jedes Todesopfer schürt weiter das Misstrauen und den Hass. Nachum Barnea von der israelischen Zeitung "Yediot Aharonot" zeigte sich am Dienstag überzeugt, dass "das nächste Abkommen zwischen Israelis und Palästinensern erst nach längerer Zeit des gegenseitigen Blutvergießens unterschrieben werden kann". Die Führer beider Seiten seien "nicht weise oder nicht stark genug, um es anders zu tun". Es gibt in Israel jedoch einen Konsens darüber, dass sich der Konflikt mit den Palästinensern langfristig nicht auf militärische Weise lösen lässt. Der jüngste Vergeltungsschlag Israels, der erstmals ohne Vorwarnung erfolgte, ist als Signal an zwei Adressen gedacht: Arafat und die israelische Öffentlichkeit. Mit den Raketenangriffen, die die regionale Supermacht Israel als "gemäßigt und wohl reflektiert" ansieht, will Premier Ehud Barak die frustrierte israelische Öffentlichkeit und die aufgepeitschten Siedler beruhigen. Die Berichte über Siedler-Kinder, denen beim Bombenanschlag auf einen Schulbus im Gaza-Streifen am Montag Arme und Beine abgerissen wurden, lassen in Israel die Emotionen weiter hochkochen. "Mit Gewalt beweisen, dass man mit Gewalt nichts erreicht Gleichzeitig will Barak Arafat "mit Gewalt beweisen, dass man mit Gewalt nichts erreicht", wie Chemi Shalev von der Zeitung "Maariv" kritisch meinte. Israel wirft der Palästinenserführung vor, hinter dem Bombenanschlag auf den Bus zu stehen. Israelische Analytiker sind jedoch inzwischen überzeugt, dass Arafat keine Kontrolle mehr über die Unruhen hat und diese ein "Eigenleben" entwickelt haben. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zieht nun auch in der Region immer weitere Kreise: Ägypten zog am Dienstag angesichts der neuen israelischen Angriffe seinen Botschafter Mohammed Bassiouni überraschend aus Tel Aviv ab. Israelische Beobachter fürchten eine Eigendynamik immer härterer Angriffe und Gegenangriffe, die schließlich völlig außer Kontrolle geraten und auf benachbarte arabische Staaten "überschwappen" könnten. Ron Ben-Ishai von "Yediot Aharonot" schrieb am Dienstag: "Wenn die Dinge sich weiter wie bisher entwickeln, ist es gut möglich, dass wir in einigen Monaten einen umfassenden Krieg haben, den Israel, Ägypten, Jordanien und die USA verhindern wollten." (Von Sara Lemel/dpa)