Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand sie sich als schön: Aufrecht saß sie am Pferd, majestätisch fast, und wenn sie sich im Spiegel der Reithalle auftauchen sah, wie von selbst vorwärtsschreitend in rhythmischen Schwingungen, wollte sie am liebsten Lachen vor Freude und Stolz. Doch dieses Lachen drang nicht nach außen. Denn Martina Hela ist seit ihrer Geburt schwer behindert, sie kann alleine weder gehen noch sitzen noch sprechen, ihre Bewegungen und Gesichtszüge sind unkontrolliert, Athetose, eine Form cerebraler Bewegungsstörung, nennen die Ärzte dieses seit Geburt bestehende Krankheitsbild. Doch das ist nur die eine Seite von Martina. Denn auf der anderen ist sie eine intelligente junge Frau, voll Neugier, Ehrgeiz und Lebenskraft, die liebevolle Mutter eines fünfjährigen Sohnes – und gerade dabei, die Matura zu machen. Martina Hela war 12, als sie mit der Hippotherapie begann. Nach ungefähr drei bis vier Monaten war sie soweit, daß sie die letzten Minuten der Therapie frei, ohne gehalten zu werden, auf dem Pferd sitzen konnte – ein Glücksgefühl, das ihr bis dahin keine andere Therapie vermitteln konnte. Das Glück, auf dem Pferd zu sitzen, kennt auch Sabine Koch nur allzu gut. Seit ihrem 14. Lebensjahr war sie begeisterte Reiterin und startete sogar auf kleinen Spring- und Dressurturnieren. Mit 17 traten erste Sensibilitätsstörungen auf, seit einem schweren Krankheitsschub im 18. Lebensjahr sitzt sie im Rollstuhl, Multiple Sklerose lautet der ärztliche Befund. Sie hätte wohl die Kraft zu gehen, aber es fehlt ihr das Gleichgewicht, kann daher auch mit Krücken nur mühsam und wenige Schritte gehen. Heute ist Sabine 29, eine hübsche junge Frau mit frecher Frisur und strahlenden Augen, die ihren Humor nicht verloren hat und herzhafte Ausdrucksweisen liebt. Offen spricht sie von ihrem Leben im Schatten der Krankheit, von der sie weiß, daß man sie nicht besiegen kann. Sie kämpft, sie weint, sie ist verzweifelt und sie lacht – und seit kurzem sitzt sie auch wieder auf dem Pferd. Im Therapiezentrum Donaustadt erhält sie Hippotherapie und hat ihre Gefühle und Erfahrungen aufgeschrieben: "Ich genieße sehr die Bewegung und die Nähe des Pferdes. Schon beim zweiten Mal fühlte ich mich sicherer auf dem Pferd. Ich hatte nicht mehr soviel Angst herunterzufallen. Ich dachte niemals, daß ich direkt nach dem Reiten gehen könnte. Ich bin auch nicht mehr so müde. Ich habe das Gefühl, daß ich mich mit dem Gehen leichter tue, seit ich reite." Doch sie schreibt auch: "Ich habe mir, glaube ich, zuviel erwartet, z. B. daß mein Gleichgewicht besser wird oder die Doppelbilder verschwinden. Ich sehe aber eher schlechter!" Chancen und Grenzen Beide Beispiele zeigen die Chancen und Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Hippotherapie auf. Denn Wunder vermag auch die Hippotherapie nicht zu bewirken, sie kann nicht heilen, aber sie kann helfen. Hippotherapie wird bei Menschen mit Bewegungsstörungen angewendet, die entweder von Geburt an bestehen (sogenannte Cerebralparesen) bzw. im Kindesalter auftreten oder die durch Erkrankung (Multiple Sklerose und Halbseitenlähmung nach Schlaganfall) bzw. durch Unfall (Querschnittslähmungen) verursacht wurden. Die Hippotherapie wird vom Arzt verordnet und – meist als Ergänzung zu anderen Therapieformen – von diplomierten Physiotherapeuten auf einem speziell ausgebildeten Therapiepferd in der Gangart Schritt durchgeführt. Theoretische Basis der Hippotherapie ist die vom Ehepaar Bobath in England entwickelte neurophysiologische Behandlungsmethode, bei der u. a. bestimmte Übungen auf einem großen Ball (Bobath-Ball) dazu dienen, krankhafte Bewegungsmuster zu hemmen und normale Bewegungs- und Haltungsmuster einzuüben. Dies ist auch eines der wesentlichen Ziele der Hippotherapie – und das Medium ist dabei nicht der Ball, sondern das Pferd. Man erkannte, daß sich im guten Sitz in möglichst gerader Aufrichtung 90–120 Bewegungsimpulse pro Minute vom Pferd auf den Menschen übertragen, die auf Muskel- und Bewegungsapparat des Patienten wirken und auf die dieser ständig reagieren muß. Dieses "Reagieren-Müssen" wird vom Patienten aber nicht als therapeutische Mühe oder gar Zwang wahrgenommen, sondern als positive Leistung, zu der ihn das Pferd motiviert. Bewegungs-Dialog Die Bewegungsimpulse verlaufen in drei räumlichen Dimensionen (auf-ab, Seite-Seite, vor-rück), dies noch dazu in kreisförmiger Rotation um die eigene Achse, zudem in ständiger Fortbewegung und in einer Regelmäßigkeit und Rhythmik, die niemals eintönig wird. Keine Maschine, und wäre sie noch so aufwendig konstruiert, wäre in der Lage, diese Bewegungsimpulse in ähnlicher Weise zustandezubringen. "Kein Schritt des Pferdes gleicht dem anderen", sagt die große Dame der österreichischen Hippotherapie, Emmy Tauffkirchen, und das bedeutet: Auf jeden einzelnen Schritt des Pferdes muß der Patient stets neu und ein bißchen anders reagieren, ein komplexer Bewegungs-Dialog zweier Lebewesen wird in Gang gesetzt, der Muskelverspannungen und -verkrampfungen löst und Gleichgewichtsreaktionen und Koordination fördert. Behandlungs-Erfolge Die Erfolge der Hippotherapie können in der Verbesserung des Ist-Zustandes, aber auch in dessen Stabilisierung bestehen. Gundula Hauser: "Wir wissen, daß sich die Patienten nach der Hippotherapie gelockert fühlen und dieser Effekt einige Tage anhält. Vor allem am Tag nach der Therapie können etwa Mulitple-Sklerose-Patienten die schweren Arbeiten im Haushalt erledigen, da sie sich an diesem Tag am besten fühlen. Bei Kindern mit Cerebralparese gibt es anfangs häufig eine echte Besserung des Ist-Zustandes – die Bewegungen werden flüssiger, sicherer und koordinierter, sogar ihre Sprache verbessert sich. Je früher man mit der Therapie anfängt, umso größer sind diese Erfolge. Für Kinder, die gerade am Gehen-Lernen sind, ist die Hippotherapie wirklich einmalig und die beste Behandlung überhaupt, weil hier das richtige Gangmuster in der Vorwärts-Bewegung eingeübt wird. Hier kann die Hippotherapie wirklich den letzten Impuls dafür geben, daß Kinder dann selbständig gehen lernen." Ganzheitliche Therapie Der Wert der Hippotherapie geht jedoch über die physische Förderung und Verbesserung hinaus. Sie ist eine ganzheitliche Therapieform, die nicht nur den Körper, sondern den ganzen Menschen mit all seinen Sinnen berührt. "Nichts bleibt unbewegt auf dem Pferd", sagt die große deutsche Ärztin der Hippotherapie, Dr. Ingrid Strauß. Der Patient spürt die Wärme des Pferdes, seinen Atem, nimmt seinen Geruch wahr, das Streicheln von Mähne und Fell schult Wahrnehmung und Gefühl, die gemeinsame Therapiearbeit mit Pferd, Pferdeführerin und Therapeutin fördert die Fähigkeit zu sozialen Kontakten, das aufrechte, aufmerksame Sitzen steigert die Fähigkeit zur Konzentration. Nicht zuletzt schenkt die Hippotherapie das Erlebnis, sich hoch auf dem Pferd durch den Raum zu bewegen – und dem behinderten Kind so für einige Augenblicke Freiheit, Freude und Unbeschwertheit. Emmy Tauffkirchen: "Es ist auch ein Wert, wenn Kinder und Eltern eine halbe Stunde lang Freude haben und bei der Therapie glücklich sind. Man mag darin nur einen Nebeneffekt sehen, aber vielfach wird damit auch ein sehr wichtiger Lernimpuls gegeben. Die Therapie auf dem Pferd gibt dem Kind sehr viel Selbstwertgefühl, weil es ja ,jetzt reiten gehen darf‘, und der gesunde Bruder darf das jetzt nicht." Die Hippotherapie fängt, so Dr. Liselotte Ölsböck aus Salzburg, "dort an, wo andere Behandlungsmethoden aufhören – nämlich in der Fortbewegung, und wir mögen uns vorstellen, welch unerhört beglückendes Erlebnis dies für ein Kind ist, das gerade in der Fähigkeit sich fortzubewegen schwer beeinträchtigt ist. Ich kenne keine andere Therapie, an dessen Ende ein Kind sagt: ,Muß ich schon aufhören? Kann ich nicht noch weitermachen?‘"