Wien - Wie breche ich aus einem Gefängnis aus? Robert Bresson lieferte in seinem Film Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen (1956) die Gebrauchsanweisung. Ein junger Mann, Kämpfer des französischen Widerstands, sitzt in einer Hochsicherheitszelle fest. Dem Selfman vergleichbar, der TV-Zuschauern die Effektivität neuer Haushaltsgeräte vorführt, arbeitet er minutiös an seiner Befreiung. Schritt für Schritt, mit großer Geduld. Die Stimme aus dem Off klärt den Betrachter über jede seiner Tätigkeiten auf. Die Kamera bleibt dabei kontinuierlich auf der Seite des Insassen, gibt nur preis, was sich ihm preisgibt. Ein veraltetes Modell des Ausbruchs, denkt man, im Zeitalter der Videoüberwachung undenkbar. Harun Farocki, Deutschlands nimmermüder Meister des politischen Films, stellt u. a. Bressons Film gegenwärtigen "Gefängnisbildern" gegenüber. In einer Weiterführung seiner Installation Ich glaubte, Gefangene zu sehen , die bereits bei der Ausstellung Dinge, die wir nicht verstehen zu sehen war, ordnet er Bildmaterialien zu einem Essay über den Topos Gefängnis in (Lauf-)Bildern. Neukombinationen Die Bilder stehen nebeneinander, in zwei Ausschnitten, die den Fernsehschirm zerteilen. Mitunter drängt sich auch eines davon vor. Farockis Methode ist es, "Dinge anders zu kombinieren, ein Organisationsverfahren zu suchen, in dem die Bilder und Töne mehreren Lektüren unterworfen werden können". Gefängnisbilder - so der Titel der Arbeit - ist ein Essay, der offen bleibt, sich zu keiner These verdichtet. Die raumzeitliche Kontinuität wird aufgebrochen, sodass - im Intervall dazwischen - ein Lesen der Bilder unter Vorgabe neuer Kontexte möglich wird. Derart liefert Farocki das Gegengift zu Reality-Soaps wie Big Brother oder Taxi Orange: Gewöhnen uns diese an ein Alltagsleben unter der Maxime permanenter Kontrolle, indem sie das Dasein im Container als neue Norm präsentieren, so zeigt Gefängnisbilder die andere Seite, die ungedachte. In amerikanischen Gefängnissen wird der Blick der Überwachungskamera etwa zum Geschütz, wenn er kampfeslustige Sträflinge erspäht: Wasserfontänen mit Chemikalien lähmen sie innerhalb von Sekunden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 11. 2000)