... Wenn nicht gerade ein Wettkönig ermittelt werden muss, gibt es ja immer noch wahlweise das peinsame Bundesländer-Abfragen - bei dem man übrigens neuerdings einen hausinternen "Schiedsrichter" kürt - oder das preisträchtige direkte Abwahlverfahren per Telefon. Einen Walter müssen wir jetzt also abziehen. Das wird zumindest die Konfliktbereitschaft im RTL-Container positiv beeinflussen. Egal. Man kann ja zum Glück auch lesen. Und doch irgendwie beim Thema bleiben. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wie Abbildungen von "ungeschützten, nicht zurechtgemachten, privaten Körpern" ins Zentrum des öffentlichen Interesses geraten. Wie der Kamerablick etwa soziale Verhaltensregeln mittelfristig neu definiert, weil er zum einen bestehende Blicktabus aushebelt und zum anderen verbindliche Kodices körperlicher Präsenz (oder "korrekter Haltung") in der Öffentlichkeit aufweicht. Oder auch darum, wie das "Sammeln dokumentarischer Evidenz", das Sammeln von belastendem Beweismaterial und die Jagd nach spektakulären Schnappschüssen dieselben technischen Voraussetzungen nutzen - und ihre unterschiedlichen Intentionen auf dieser Ebene (noch) nicht preisgeben. Wir sind damit übrigens nicht in der Gegenwart. Dem US-amerikanischen Filmhistoriker Tom Gunning geht es bei seinen diesbezüglichen Ausführungen - Embarrassing Evidence: The Detective Camera and the Documentary Impulse - vielmehr um die rapide Verbreitung eines kleinen, leicht zu bedienenden und leicht zu verbergenden Fotoapparates vor über hundert Jahren. Wieder einmal: alles schon da gewesen. (irr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 11. 2000)