In London, wo sie seit ihrer Flucht 1939 lebte, ist, wie kürzlich bekannt wurde, am 8. November Marianne Steiner gestorben, die 1913 geborene Tochter von Franz Kafkas mittlerer Schwester Valerie/"Valli" (1890-1942). Aber sie war mehr als eine Nichte und die Verwalterin des Nachlasses, den sie nach langem Kampf vom Verleger Schocken, der alles in einen Schweizer Safe gesperrt hatte, erst 1970 zurückerhielt und nach Oxford brachte. Sie war auch die Gegenwart einer Familie, die durch den von Marianne Steiners Großeltern - also Kafkas Eltern, dem Fleischhauerssohn Hermann und der Brauereitochter Julie Kafka - verachteten und für lebensuntauglich empfundenen Sohn Franz Kafka ins Zentrum der Welt gerückt wurde: "Immer die in Zimmern eingesperrte Weltgeschichte", wie Kafka, der bis 1923 immer wieder in der ihm bedrohlichen Elternwohnung lebte, im Tagebuch notierte - so 1911 über Mariannes Mutter: "Valli fragt durch das Vorzimmer wie durch eine Pariser Gasse ins Unbestimmte rufend, ob denn Vaters Hut schon geputzt ist." "Niemand sprach über Kafka", erinnerte sich Marianne Steiner an ihre Kindheit, doch widersprach sie sich gleich selbst: "Die Schwestern natürlich. Die sagten in jedem Moment ihres Lebens: Franz würde raten, Franz würde meinen, Franz denke hier anders, Franz habe viel über Kindererziehung nachgedacht. Franz habe Dickens gelesen, also lesen wir jetzt Dickens." In seinen Tagebüchern und Briefen notiert Kafka immer wieder, wie er seinen Schwestern Elli, Valli und Ottla aus Lieblingsbüchern vorliest, Kleists Michael Kohlhaas, Goethes Wahlverwandtschaften, Flauberts Briefe. Obwohl alle zeitgenössischen Beobachter die Zurückhaltung und Scheu des Versicherungsangestellten bemerkten, waren sie übereinstimmend gleichzeitig alle von der großen Persönlichkeit des langen, schmalen, in schwarzen Mänteln mit Taschentuch durch Prags Innenstadt wehenden Menschen berührt. Bei den Schwestern - und von diesen übertragen auf deren Kinder, Kafkas Nichten - ging es noch weiter, wie sich die Tochter Ellis, die 1972 gestorbene Gerti Kaufmann, erinnerte: "Sie liebten und verehrten ihn als eine Art höheres Wesen. Die Menschen seiner Umgebung spürten seine Persönlichkeit auch ohne seine Bücher zu lesen, und er wurde von den meisten Menschen sehr geliebt." Seine Lieblingsschwester Ottla hatte Franz immer zum Widerstand gegen den Vater, der sie als Verkäuferin in seiner Galanteriewarenhandlung einsperrte, aufgefordert, und als sie 1916 nach Zürau auf ein Bauerngut ihres Mannes zog, folgte ihr Kafka, tuberkulosekrank, nach (allerdings litt er dort unter dem Geräusch Hunderter Mäuse). Und in einer Wohnung Vallis in der Prager Bilekgasse hatte er im August 1914 den Process zu schreiben begonnen. Dabei hatte unter den vielen väterlichen Vorwürfen, die Kafka zu Beginn seines Briefes an den Vater auflistet, derjenige eines "Mangels an Familiensinn" eine zentrale Stelle, ex aequo mit dem Vorwurf eines "Mangels an Geschäftssinn" (Kafka musste mit seinem Schwager die Asbestwerke "Hermann & Co." führen). Und der eigentliche Prozess, den Kafka selbst gegen die bürgerliche Welt in den Briefen an Felice führt, kreist besessen darum, die bürgerliche Vorstellung von "Familie" aufzubrechen und sie einzuwechseln gegen gewaltfrei-utopische, Freiheit ermöglichende, liebende Gegenwart: Solche konnte Kafka selbst am intensivsten mit seiner letzten Geliebten, Dora Dymant, in Berlin, in Prag aber nur mit seinen Schwestern und mit deren Kindern leben. Sie entwarfen eine Utopie. Doch die Brutalität kleinbürgerlicher Politik war schneller: Die drei Schwestern Kafkas wurden in Konzentrationslagern umgebracht. Nur zwei Töchter Ottlas und eben die emigrierte Marianne Steiner überlebten. Ottla, seine Lieblingsschwester, etwa war von ihrem Mann, einem katholisch-tschechischen Nationalisten, 1942 geschieden und damit der Deportation ausgeliefert worden: In Theresienstadt meldete sie sich 1943 freiwillig zur Begleitung eines Kindertransports. Ziel: Auschwitz. (Richard Reichensperger) (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 27.11. 2000)