Ottawa - Seine Wahlkampfgegner nannten ihn einen "Dinosaurier", weil er schon lange im Geschäft ist und weniger frisch wirkte als der Oppositionskandidat. Bei seinen Freunden in der Liberalen Partei gilt er als "politisches Schlachtross" - seit Montagabend sogar als ein unbesiegbares. Der 66-jährige Jean Chretien schaffte, was seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keinem anderen kanadischen Premierminister mehr gelungen war, auch nicht seinem großen, kürzlich gestorbenen Vorbild Jean-Pierre Trudeau: Er bescherte seiner Partei zum dritten Mal in Folge eine Regierung, die sich auf die absolute Mehrheit der Parlamentssitze stützen kann. Für den Mann aus ärmlichen Verhältnissen - er wurde als 18. Kind eines Sägewerksarbeiters in der Provinz Quebec geboren - war der neuerliche Wahlsieg der größte Triumph seiner Laufbahn. Die dritte Amtszeit soll nach eigenem Bekunden seine letzte sein. Dabei hatte es in den Wochen vor der Abstimmung Momente gegeben, wo das Ende der Ära Chretien nahe schien. "Mr. Chretien muss abtreten", forderte die renommierte Zeitung "Globe and Mail", die den Liberalen nahe steht. "Er regiert wie eine Ein-Mann-Band und liebt die Macht um ihrer selbst Willen." Der Premier reagierte rasch auf solche auch in den eigenen Reihen lauter werdenden Vorwürfe. In der zweiten Hälfte des Wahlkampfes ließ er sich immer öfter mit dem populären Finanzminister der Liberalen, Paul Martin, sehen. Er streute sogar, Martin solle ihn in zwei Jahren beerben. Das allerdings dürften nur wenige Kanadier ihrem als äußerst zielstrebig und ehrgeizig bekanntem Premier abgenommen haben. Dass er nicht nur ein Kämpfer, sondern auch ein kühl rechnender Taktiker ist, hat Chretien mit dieser Wahl wieder einmal beweisen. Für viele hatte er sie "ganz ohne Not" ausgerufen. Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit ist mit knapp sieben Prozent so niedrig wie seit langem nicht. Laut Verfassung hätte die liberale Regierung bis maximal 2002 ohne neue Abstimmung weiter machen können. Zwei Faktoren standen im Kalkül Chretiens dagegen, der sich rühmt, ins kanadische Parlament gewählt worden zu sein, als John F. Kennedy im Nachbarland USA ins Weiße Haus einzog. Zum einen kommt langsam ein Ende der starken wirtschaftlichen Wachstums in Sicht. Zum anderen legte der neue Vormann der größten Oppositionspartei, Stockwell Day von der konservativen Kanadischen Allianz, bei Umfragen stetig an Beliebtheit zu. In einem Jahr wäre es für die Liberalen sicher schwieriger gewesen, ihre Macht zu verteidigen. Zudem hatte Chretien für die "Richtungsentscheidung" viel versprochen. Die Milliardenüberschüsse sollen zum Ausbau sozialer Leistungen und zur Förderung unterentwickelter Regionen verwendet werden. Das gefiel den Wählern offenbar besser, als die von Day verlangten deutlichen Steuersenkungen und die Förderung der freien Marktwirtschaft nach amerikanischem Modell. (APA/dpa)