Dass Krystyna Iwona Kurek in Österreich gelandet ist und hier einen Asylantrag stellte, ist eher auf eine Verkettung von Umständen zurückzuführen als auf Lebensplanung. "Viele kriegen nicht so eine Chance wie ich", sagt die gebürtige Warschauerin rückblickend über ihren Neuanfang. "Ich kam am 2. August 1981 nach Österreich und ahnte nicht, dass ich hier für immer bleiben werde", erinnert sich die Endvierzigerin. Jahrelang hatte Iwona versucht, einen Pass zu bekommen, um die in Wien lebende Mutter zu besuchen. Zu ihrer eigenen Überraschung erhielt sie das Reisedokument 1981. Nach einer größeren Operation kam Iwona hierher, um sich von der lange entbehrten Mama eine Weile pflegen zu lassen. "Schließlich waren die Zeiten ungut in Polen." Sie wurden noch "unguter": Im Dezember wurde in Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Iwona entschloss sich, in Österreich zu bleiben, und suchte um Asyl an. Ab da zog alles wie im Nebel an ihr vorbei: "Ich kann mich nicht an viel erinnern. Überhaupt war ich sehr unsicher und verstand auch nicht viel Deutsch." Ein halbes Jahr später wurde die junge Frau als Flüchtling anerkannt. Immer wenn sie es gebraucht hat, sagt Frau Kurek, hat sie "Herz und Hilfe" bekommen. Sie traf "sehr viele Leute, die mir sehr viel gegeben haben": Trost und Freundschaft, Möbel und Deutschunterricht. Das half ihr über die lange Durststrecke in der ersten schweren Zeit hinweg. Berufliche Bestimmung gefunden Aus vielen Zufallsbegegnungen wurden Lebensfreundschaften. Iwona Kurek war arbeitslos, lebte von der Flüchtlingsunterstützung. Erst nach vier Jahren bekam sie eine Stelle als Behindertenbetreuerin beim Verein "Lebenshilfe". Damit hatte die studierte Pädagogin ihre berufliche Bestimmung gefunden: "Seit fünfzehn Jahren bin ich nun schon dort, ich arbeite wirklich gerne mit Behinderten." Die Neoösterreicherin hat ihre alte Flüchtlingsbescheinigung samt Foto hervorgekramt. Der Vergleich ist verblüffend. Heute, fast zwanzig Jahren später, wirkt sie weitaus jünger und dynamischer als auf dem Bild. Kein Wunder, ihr Leben in Österreich hat Frau Kurek als stetige Aufwärtsspirale erlebt. Sie drückt es so aus: "Seit meinem 30. Geburtstag hat sich mein Leben geklärt." Sie liebt ihre Arbeit, lebt in einer erfüllten Beziehung, hat viele FreundInnen, und sie läuft Marathon. Dem glücklichen Schicksal stattete sie ihren Dank auf besondere Weise ab: Sie nahm immer wieder Flüchtlinge bei sich auf. Sie blicke stets nach vorne und nicht zurück, sagt Frau Kurek. Ihr nächstes Ziel hat sie sich schon gesteckt: "Zu meinem Fünfziger schenke ich mir den London-Marathon." (Melita H. Sunjic, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 02.12.2000)