Das Internet verbreitet sich in Österreich mit rasanter Geschwindigkeit. Bereits rund 1,5 Millionen Österreicher nutzen das World Wide Web regelmäßig, bis 2003 sollen es sogar 45 Prozent sein. Ebenso deutlich sind auch die Wachstumstendenzen im elektronischen Handel. Belaufen sich die Umsatzzahlen des virtuellen Handels im Business-to-Consumer(B2C)-Bereich heuer erst auf 1,2 bis 1,5 Mrd. S (87,2 bis 109 Mill. Euro) werden die Österreicher in drei Jahren schon 13 bis 15 Mrd. S in den Web-Shops lassen. Eine Entwicklung, die auch am heimischen Einzelhandel nicht spurlos vorübergehen wird. Rund 30 Prozent der Wiener Einzelhändler könnte dieser Strukturwandel die Existenz kosten, wenn nicht rechtzeitig sinnvolle Maßnahmen ergriffen werden. Dies ist das Fazit einer Studie, die die Unternehmensberatung A.T.Kearney gemeinsam mit dem Verein Zukunft Wien, einer Initiative der Stadt Wien, die sich mit Einflussfaktoren auf die Struktur der Stadt Wien beschäftigt, heute, Montag, in Wien der Öffentlichkeit präsentierte. "Das Einkaufsverhalten der Österreicher ist bereits im Begriff sich zu verändern", ist Florian Haslauer von A.T.Kearney überzeugt. Das Internet biete den Konsumenten breitere Vergleichsmöglichkeiten bei Preisen und Qualität von Produkten und einen Informationsvorsprung, den es bis vor kurzem noch nicht gab. E-Shopping werde vor allem dort Einzug halten, wo Einkaufen nicht mit einem besonderen Erlebnis verbunden sei, so Haslauer. Derzeit noch bestehende Barrieren wie das fehlende Vertrauen in die Sicherheit der Bezahlung im WWW sowie immer wiederkehrende Engpässe bei der Auslieferung der bestellten Waren halten Internet-Nutzer heutzutage noch vom letztendlichen Kauf in den unendlichen Weiten der Cyber-Shops ab. Seien diese Probleme erst einmal beseitigt, stehe dem rasanten Aufschwung des Online-Handels aber nichts mehr im Wege, resümiert der A.T.Kearney-Experte. Bis zum Jahr 2003 werde der Anteil des E-Shoppings am Gesamtumsatz des Einzelhandels dann bereits 2,5 Prozent betragen (derzeit 0,2 Prozent). Starke Wachstumsaussichten im Internet-Handel locken zudem zusätzliche Anbieter, die mit neuen Geschäftsmodellen den Wettbewerb verändern. "Wie das Weihnachtsgeschäft zeigt, ist der Druck auf den traditionellen Einzelhandel vor allem bei leicht standardisierbaren Produkten, wie CDs, Büchern und Software besonders groß", betonte der Zukunft Wien-Geschäftsführer Adolf Kerbl. Hier verwische sich zum Nachteil der traditionellen Einzelunternehmen im Internet stark die Grenze zwischen Einzel- und Großhandel. Niedrigere Vertriebskosten locken vor allem im Bereich Autohandel verstärkt auch Hersteller, ihre Produkte via Internet zu vertreiben. Das Beispiel USA zeige, dass hier Ersparnisse von mindestens 30 Prozent möglich seien, die wiederum den Kunden zugute kämen. Wirtschaftsförderungen, Internet-Marktplätze und Marketinginitiativen sollen Konkurrenzfähigkeit garantieren "Einzelhändler, die die Entwicklungen im Internet nicht rechtzeitig erkennen und zu ihrem Vorteil nutzen, sind definitiv gefährdet", betonte der A.T.Kearney-Experte Florian Haslauer heute bei einem Pressegespräch in Wien. Will man die urbanen Strukturen in Wien aufrechterhalten, müssten sowohl Politik, Interessenvertretungen und Institutionen als auch auch der Handel verstärkt in das Medium Internet und in die Attraktivierung des Einkaufs investieren. Wichtig seien hier in erster Linie gezielte Wirtschaftsförderungen etwa in Form von Schulungen oder Trainings, um Einzelhändlern von der Wichtigkeit eines Internetauftritts zu überzeugen. Darüber hinaus müssten verstärkt Internetplattformen mit geeigneten Marktplätzen für Wiens Kleinunternehmen geschaffen werden. Aus den Augen dürfe man aber auch das traditionelle Einkaufserlebnis nicht lassen, will man den Einzelhandel und damit den Umsatz in Wiens Einkaufsstraßen nicht verlieren, ist sich Zukunft Wien-Geschäftsführer Adolf Kerbl sicher. Möglichkeiten sehe er vor allem in Marketinginitiativen und Zusammenschlüssen mehrerer Einzelhändler. Auch eine Themenorientierung bestimmter Viertel, wie bereits in vorherigen Jahrhunderten praktiziert, seien hier durchaus denkbar. Größtes Problem all dieser Maßnahmen sei bisher die Psychologie des Wiener Einzelhändlers. "Der Einzelhändler ist ein Einzelkämpfer", erzählt Roman Rusy seine Erfahrungen als Einkaufsmanager der Wiener Wirtschaftskammer. "Es ist ein Dompteurakt, mehrere Geschäfte unter einen Hut zu bekommen. Ich hoffe nur, dass sie (die Einzelhändler, Anm.) nicht erst dann draufkommen, wenn bereits Feuer am Dach ist", so Rusy abschließend. (APA)