Istanbul - Als der türkische Premier Bülent Ecevit am Montagmorgen seinen Computer in Gang setzte, flimmerte ihm eine Mitteilung entgegen, die er am Wochenende bereits auf der Straße hören musste: "Wir protestieren gegen die Finanzpolitik der Regierung", teilte ihm ein Hacker namens "RobertoSmix" mit. Der Eindringling beschrieb sich als Mitglied einer Gruppe von Kindern von Staatsangestellten, die am Freitag in einem landesweiten Streik dagegen protestiert hatten, dass sie 2001 nur zehn Prozent mehr Lohn erhalten sollen, obwohl die Inflation rund 50 Prozent beträgt.

Die drastische Senkung der Inflation war eine der Auflagen, die der Internationale Währungsfonds im Vorjahr an einen Beistandskredit von vier Mrd. Dollar (4,6 Mrd. EURO /63 Mrd. S) geknüpft hat. Daneben forderte der IWF Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung der Finanzmärkte.

Opfer des Erfolgs

Paradoxerweise drohen nun gerade erste Erfolge das gesamte Programm abstürzen zu lassen. Die Türkei ist voll mit kleinen Privatbanken, die an der Inflation gut verdient haben, weil der Staat auf Anleihen hohe Zinsen zahlte. Die nunmehr sinkende Inflation hat etliche von ihnen ins Trudeln gebracht, die nun im freien Fall andere mitzureißen drohen.

Dazu kommt, dass der IMF eine verschärfte Bankenaufsicht durchgesetzt hat, die nun einen Korruptionsfall nach dem anderen aufdeckt. Beispielhaft ist Murat Demirel, Neffe von Exstaatspräsident Süleyman Demirel. Mit Verweis auf seinen Onkel, lieh Murat sich Geld und kaufte sich die EGE-Bank. Diese wurde dann systematisch ausgeplündert, indem Murat anderen seiner eigenen Unternehmungen gigantische zinsenlose Kredite gab, die dann auf Schweizer Nummernkonten landeten. Als der Onkel das Parlament verließ, flog Murat auf und sitzt nun im Knast.

Börse minus 40 Prozent

Insgesamt wurden in den letzten Monaten zehn Banken unter Staatskuratel gestellt. Die dadurch nicht mehr zu verheimlichenden Verluste lösten eine Abwährtsspirale aus, die in der letzten Woche zu panikartigen Verkäufen an der Börse führte. In nur zwei Wochen verlor die Istanbuler Börse 40 Prozent ihres Wertes. Ausländische Investoren zogen rund sechs Mrd. Dollar ab, was bei etlichen Banken zu Liquiditätsschwierigkeiten führte und die Zinsen für kurzfristige Überbrückungskredite auf tausend Prozent hochtrieb.

Jetzt muss der IWF erneut als Nothelfer ran. In Absprache mit dem IWF kauft die Zentralbank massiv türkische Lira, um den Kurs zu stabilisieren. Laut Zentralbankchef Gazi Ercel verfügt das Land über 18 Mrd. Dollar Devisenreserven, genug um spekulative Attacken abzuwehren. IWF-Chef Horst Köhler hat eine Finanzspritze angekündigt, am 21. Dezember soll die Entscheidung darüber fallen. (ürgen Gottschlich, D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 5. 12 . 2000)