Wien - Fünf Stücke hinterließ die britische Dramatikerin Sarah Kane, als sie sich 1999 im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Will man den Versuch unternehmen, das schmale Werk zu unterteilen, bietet es sich an, vor Gier , ihrem vierten Drama, eine Zäsur zu setzen. Zerbombt , Phädras Liebe und Gesäubert eint die brutale Konfrontation von physischen und psychischen Gewaltexzessen mit höchster Subtilität, einer ungestillten, unstillbaren Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Liebe. Zwischen Körpern, abgetrennten Extremitäten, Blut und Gedärm erblüht die Blaue Blume der Romantik. Bisher gelang es kaum einer Aufführung, die adäquate szenische Umsetzung für Kanes extreme Bildwelten zu erfinden. Versuche scheiterten am blutigen Realismus, der die unwirkliche metaphorische Stilisierung der Bilder übersah, oder umgekehrt an einer zeichenhaften Stilisierung, die die explosive Gewalt in abstrakte Formen auflöste und also verharmloste. Kane braucht beides: Realismus und Stilisierung - die Sehnsuchts- und Schreckensrealität des Alptraums.
"Past violence"
Weniger - oder andere - szenische Widerstände bieten ihre beiden letzten Dramen, Gier und 4.48 Psychosis . Sie sei "past violence" angelangt, jenseits der Gewalt, hatte Sarah Kane nach Niederschrift von Gier gesagt. Und wirklich scheint der quälende Kampf ausgetragen. Über ihren späten Stücken liegt die Ruhe nach der Hoffnung. Keine Rollen existieren mehr, keine Körper, keine Handlung. Lediglich Sprache. A, B, C, M heißen die vier Stimmen in Gier . Alter und Geschlecht unbenannt. Einzelne Worte, Sätze, Erinnerungsbilder, Zitate verflicht Kane zu einer körperlosen Seelenpartitur unmöglicher Liebe. Ob man eine Kommunikation sehen will zwischen den Stimmen, ob man ihnen Geschlecht zuordnet, bleibt eine Frage der Interpretation. Wieder enthält Kanes Text in der szenischen Umsetzung einen unlösbaren Widerspruch: Er verlangt nach Verkörperung und wird durch sie in seiner Immaterialität zerstört. Katrin Hiller, Regieassistentin an der Burg, die mit Gier ihre erste Regiearbeit vorlegt, bekam von Klaus Bachler (gemäß seiner Devise, man müsse die Jugend schützen) das Vestibül zugewiesen, einen theatralen Unort, der sinnvolle szenische Konzepte nahezu verhindert. Im Lauf der 75 Minuten erprobt sie vier Möglichkeiten, Kanes schwebenden Text szenisch zu erden.
Innere Wahrheiten
Am stimmigsten gelingt der erste Teil: An den vier Ecken einer Raum-Fläche stehen A, B, C, M - bei Hiller zwei Frauen (Katharina Schubert, Jana Becker), zwei Männer (Denis Petkovic, David Rott) -, sprechen, das Messer am jeweils eigenen Hals. Hin und wieder signalisiert ein Blick Kontakt. Ansonsten werden Bilder allein durch Sprache evoziert. Zwei: Tränen, Fotos, Interaktionen überlagern die Worte. Fazit: Jede konkrete Aktion ist Ablenkung, Verfälschung, wo der Text Abstraktion fordert. Dritter Versuch: Dunkelheit. Allein die Stimmen sind zu hören. Viertens: Die Schlusspassagen werden per Band eingespielt, überlagert von Tango-Musik, wehmütiger Theatersinnlichkeit. Die Schauspieler entfernen sich. Zurück bleibt das Wort, ein Schuh, ein zerrissenes Foto. Es ist schade, dass Hiller der Mut fehlte, stärker der Kraft des Textes zu vertrauen. Ein etwas zaghafter Zugang, dennoch: Durch die enorme Präsenz der vier jungen Schauspieler glückte ein intensiver, in seiner Verletzlichkeit anrührender Abend. Und eine Überraschung: Gemeinsam mit Katharina Schubert und Jana Becker formte Hiller ein Drama weiblicher Verletzung, wie es bisher in Gier noch nicht zu sehen war. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 12. 2000)