Ich wurde hier in Wien geboren. Als ich sechs Jahre alt war, wanderten wir in die USA aus. Mein erster Schultag in Los Angeles war nicht so schön. Ich trat in die Klasse und war sehr nervös. Ich wollte zurück nach Hause, aber ich nahm all meinen Mut zusammen und setzte mich auf meinen Platz. Alle starrten mich an, als ob ich ein Außerirdischer wäre. Wir blieben fünf Jahre in Amerika, dann mussten wir wieder nach Wien. Da fing alles wieder von vorne an . . . Ich komme aus der Türkei, lebe aber in Wien. Ich kann nicht so viel Deutsch. Ich bin jetzt nicht so glücklich. Ich muss hier leben, weil meine Familie hier lebt. Wenn ich älter bin, möchte ich in die Türkei zurück. Aber dort bin ich auch eine Art Ausländerin, weil ich eine Kurdin bin. Dann zeigen die Leute mit dem Finger und sagen: Sprecht nicht mit ihr! Das hasse ich. Ich bin auch ein Mensch. Meine Freundin ist eine Türkin und weiß, was ich bin. Sie sagte, es ist doch egal, was du bist und dass sie mich mag. Ich muss bald arbeiten, weil mein Vater lungenkrank ist und meine Mutter keine Arbeitserlaubnis hat. Ich bin, glaube ich, eine durchschnittliche Schülerin. Aber Durchschnitt bin ich auch nur in der Schule. Privat lasse ich mir von niemandem etwas sagen und habe immer meine eigenen Ideen, die ich meistens auch in die Realität umsetze. Ich finde es ziemlich blöd, wenn man zu nichts eine eigene Meinung hat, denn das kann sehr gefährlich werden, vor allem für einen selbst. In der Schule habe ich viele Freunde, und auch meine Noten sind ziemlich gut. Allerdings krieg' ich vor jeder Schularbeit trotzdem die Panik. Mein Vater gibt mir das Gefühl, nicht gut genug zu lernen - kaum ist die Note nur Durchschnitt, schimpft er gleich. Vor jeder Prüfung droht er. Hausarrest und so. Dann beginne ich, an mir selber zu zweifeln und verliere meinen Mut. Oft habe ich versucht, mit ihm darüber zu sprechen. Aber er ist ein Dickkopf und will nichts verstehen. Naja, meistens versuch' ich dann mich selber wieder aufzubauen und sage mir, es wird schon klappen. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich nicht hierher gehören. Ich weiß nicht, warum. Ich würde gern in Jugoslawien leben, aber wenn ich dort bin, möchte ich wieder nach Wien zurück. Ich sitze zwischen zwei Stühlen. Mir gefällt es nicht, wenn mich jemand als Ausländerin beschimpft. Aber egal, wo ich hinfahre, ich gehöre nirgends wirklich dazu. (DER STANDARD/Print-Ausgabe, 5. Dezember 2000)