"Die Fälle von Misshandlung und Gewalt gegen Kinder werden nicht mehr - sie werden nur Gott sei Dank öffentlicher. Und das macht die statistische Steigerung der letzten Jahre aus", weiß Wiens Vizebürgermeisterin Grete Laska. Wobei diese Sensibilisierung der Öffentlichkeit seitens der Kommune gezielt gefördert wird. "Wir haben inzwischen schon drei Kampagnen vor allem mit dem Ziel durchgeführt, ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen und gegen die Dunkelziffern anzukämpfen. Gewalt gegen Kinder ist kein Kavaliersdelikt." Wichtig sei es daher, auch in der Umgebung der Opfer, bei Verwandten und in der Nachbarschaft, eine erhöhte Sensibilisierung zu erreichen. Aber auch bei den Kindern selbst - etwa wenn bei Aktionen in der Schule in Kooperation mit den "City Cops" Bewusstseinsarbeit geleistet wird. Wobei es nicht nur darum gehe, den Kindern Ängste zu nehmen und ihnen beispielsweise das "Neinsagen" zu vermitteln. Oft sind diese Schulungsprogramme auch für die Lehrer und Lehrerinnen hilfreich, um ihnen die Scheu zu nehmen, über diese Themen zu reden. Diese Initiativen zeigten jedenfalls Wirkung: "Wir hatten im Zuge unserer Offensiven sowohl beim Kindertelefon der Mag Elf ([TEL]: 319 66 66) vermehrt Anfragen als auch mehr Fälle, die bei der Polizei bekannt wurden", berichtet die Sozialstadträtin. So wie auch die Kooperation mit "Rat auf Draht" des ORF entsprechende Wirkung gezeigt habe, wo sich Betroffene unter der Kurzwahlnummer [TEL]: 147 rund um die Uhr melden können und gegebenenfalls weitervermittelt werden. Ursachen im Alltag Allzu oft allerdings liegen die Ursachen für physische oder psychische Gewaltanwendungen bereits in Alltagsproblemen, die auf den ersten Blick banal erscheinen mögen. Wenn etwa das Kind die ersten Zähne bekommt, kann dies genauso ein Stressauslöser sein wie etwa - Pflanzen in Hydrokulturen. "Wenn da etwa das Kind Tag für Tag die Kugerln ausräumt und in der ganzen Wohnung verteilt, ist das eine scheinbare Banalität, die aber ohne eine Lösung gröbere Schwierigkeiten auslösen kann", erläutert Laska. Daher seien im Rahmen der zweiten Kampagne bewusst Fragen des Alltags und der Erziehung angesprochen worden: Es wurden die prophylaktischen Angebote der Kommune angeboten - seien es nun Stillgruppen, Eltern-Kind-Zentren oder einschlägige Literatur. "Wenn Mütter in Selbsthilfegruppen sehen, wie andere mit genau den gleichen Problemen konfrontiert sind und wie sie diese lösen, dann kann das schon eine entscheidende Hilfe sein." Kommt es allerdings tatsächlich zur Krisensituation, ist "das vorderste Ziel das Kindeswohl", betont Laska. "Dann geht es darum, das Kind möglichst rasch aus dieser Situation herauszubekommen. Zum Glück gibt es inzwischen bessere Möglichkeiten, den Aggressor wegzuweisen. Oder aber, es werden die Opfer in Sicherheit gebracht. Die Mütter etwa im Frauenhaus, die Kinder zum Beispiel im Krisenzentrum. Pflegefamilien Bei der künftigen Arbeit steht für Laska nicht nur der Abschluss der Strukturreform in der Mag Elf im Vordergrund - wenn etwa nach der Umsetzung der Heimreform 2000 in zwei Jahren kein Kind mehr in einer Großeinrichtung untergebracht sein soll. Es gelte weiters auch, die Pflegeelternschaft zu professionalisieren und bessere rechtliche Grundlagen zu schaffen. "Zu denen kommen ja Kinder, die bereits gravierend darunter gelitten haben, was ihnen die Gesellschaft angetan hat. Und das ist immer eine besondere Herausforderung für die Pflegefamilie", erinnert die Sozialstadträtin. Dazu aber auch weiterhin eine verstärkte und gezielte Öffentlichkeitsarbeit, kombiniert mit intensivierter Serviceorientierung. Bis hin zu einer verstärkten Kontaktaufnahme mit Eltern in Kindertagesstätten, um auch dort Erziehungsfragen vermehrt zum Thema zu machen. Laska: "Das oberste politische Ziel ist und bleibt jedenfalls der Lobbyismus für Kinder und Jugendliche." (DER STANDARD/Print-Ausgabe, 5. Dezember 2000)