Nizza - In keiner europäischen Stadt ist es in diesen Tagen so schwierig, ein Taxi zu finden, wie in Nizza. Fahrzeuge gibt es genug. Aber man muss lange suchen, ehe ein Fahrer auch bereit ist, einen von einem Ort zu einem anderen in der Stadt zu bringen. "Zu Mittag werde ich nach Hause fahren, vorsichtshalber", sagt einer auf die Frage, wieso er und seine Kollegen denn so gereizt seien. Er wolle auf keinen Fall riskieren, dass man sein Auto beschädigt.Gewerkschaftsproteste Die mondäne Metropole an der Côte d'Azur befindet sich kurz vor Beginn des EU-Gipfels im Ausnahmezustand. Während mehr als dreißig Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa im Kongresszentrum "Acropolis" mitten im Zentrum Weichenstellungen für die erweiterte Union zu stellen trachten, wollen Globalisierungsgegner auf der einen und Gewerkschaften auf der anderen Seite demonstrieren. Die erste Manifestation ging bereits am Mittwoch los, mit absolut friedlicher Absicht und "für Europa, denn wir sind keine EU-Gegner", wie ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch dem STANDARD sagte. Er ist mit 200 Landsleuten nach Südostfrankreich gereist: "Wir wollen zeigen, dass die Union sich nicht nur um Geldpolitik und die Währung kümmern soll", sagt er, es müsse die Grundrechtscharta in den EU-Vertrag aufgenommen und die Sozialcharta gestärkt werden. Taucher und Kriegsschiffe Insgesamt 60.000 Gewerkschafter marschierten am Mittwoch in Nizza auf, eine "Karawane gegen die Arbeitslosigkeit" zog von Norden her ein. Aber sie sind nicht der eigentliche Grund, warum die französische Polizei in höchste Alarmbereitschaft gesetzt wurde. Für die Dauer des Gipfels wurden die Grenzkontrollen zu Italien in Kraft gesetzt. Über 4500 Polizisten sind aufgeboten, um die EU-Größen zu schützen. Taucher kontrollieren Kanäle und Wasserreservoirs rund um den Tagungsort. In der berühmten Bucht an der "Promenade des Anglais" dümpeln Kriegsschiffe. In der Luft ziehen ständig Hubschrauber ihre Kreise. Die Franzosen befürchten, dass es wie beim Weltwirtschaftsgipfel in Prag zu gewalttätigen Ausschreitungen radikaler Gruppen kommen könnte. Dies soll nach Wunsch der Pariser Regierung mit allen Mitteln verhindert werden. Mit Schrecken denkt sie an den letzten Gipfel in Biarritz, wo baskische Separatisten der Polizei eine Straßenschlacht lieferten. (DerStandard, Print-Ausgabe, 7. 12. 2000, tom)