Wien - Gerade zur Vorweihnachtszeit, wenn sich mit der Stadt auch das Erzählkino zuckersüß verhüllt und auf den Leinwänden die Komplexität der Welt in trügerischen Harmonien aufgehoben wird, sehnt man sich wieder nach harschen Dissonanzen. Insofern leistet The Big Screen , eine Zusammenstellung von sechs zeitgenössischen Beispielen des heimischen und internationalen Avantgardefilms, die noch bis 21. Dezember im Wiener Stadtkino zu sehen ist, dringend notwendiges Kontrastprogramm. Und man muss kein Filmpurist sein, um zu behaupten, dass jede dieser Arbeiten - nicht nur, weil sie das 35-mm-Format verbindet - die große Leinwand braucht, um ihre ganze sinnliche Schönheit zu entfalten. Peter Tscherkasskys fulminante Variation über Cinemascope etwa: Das Found Footage des B-Horrorfilms The Entity wird in Outer Space zur Wiederkehr des verdrängten (filmischen) Raums umgestaltet. Der Topos des Haunted House überträgt sich darin mit einem Mal auf das Material (und bedroht die Heldin Barbara Hershey) - zuerst über knarzende Tonspuren, zerbrechendes Glas, unaufhörliche Kaderverschiebungen, schließlich bis zur fast völligen Auflösung der Illusion im Flickereffekt besessen tosender Einzelteile.

In Josef Dabernigs Jogging ist das Unheimliche mehr ein Potenzial, in der Schwebe gehalten durch Olga Neuwirths Soundscore, der eine Autofahrt durch urbane Randzonen kommentiert. Streunende Köter, eine Schafherde, die die Straße kreuzt, und der Umstand, dass der Titel nur durch eine Turnhose und Sneakers als Vorhaben ins Bild gerät, irritieren hier den Betrachter, indem sie ihn eigentlich dem Vertrauten, der zerstreuten Wahrnehmung des Fahrzeuglenkers aussetzen.

Der gebrochene Blick auf das Fremde eint wiederum Lisl Pongers déjà vu mit Hongkong vom Holländer Gerard Holthuis: Die Amateuraufnahmen Fernreisender, deren postkolonialer Blick auf das Spektakel des Exotischen, werden bei Ponger durch minoritäre - in vielfachen Sprachen gesprochene - Erzählungen aus dem Off gleichsam neu abgetastet und kritisch überprüft. Hongkong wiederum wirkt durch seine scharfen SW-Kontraste, seine Gesichter der Großstadt, seine Schwenks über Häuserzeilen der Zeit merkwürdig entrückt, wären da nicht die riesigen Flugzeuge, die weniger bedrohlich als vielmehr schwermütig ganz nahe über den Dächern kreisen. Holthuis folgt ihnen mit der Kamera wie bizarren Vögeln, die aus dem Nichts ins Blickfeld geraten. Die somatische Qualität dieser Arbeiten, ihr effektvolles Zusammenwirken der Bild- und Tonebene - Gustav Deutsch und der Finne Ilppo Pojohlas stehen diesem Prinzip in nichts nach -, sollte auch Zusehern, die dem Experimentellen bisher zögernd gegenüberstanden, die letzte Schwellenangst nehmen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 12. 2000)