. . . oder: Wohin das Licht fällt und was im Dunkeln bleibt. Ein paar Fragen zur Logik der Umtriebigkeit "im Dienste der guten Sache". Von Eva Rossmann. Die Mutter aller Feste rückt näher. Und die Ansprüche, nicht nur die materiellen, steigen. Stimmung soll aufkommen, das Gefühl, ein guter Mensch zu sein. Für so etwas gibt es - wie für fast alles andere auch - inzwischen einen Markt. Nicht von ungefähr mehren sich im Dezember die Aufrufe zu helfen, also zu spenden. Von den Kinderdörfern bis zu SOS Mitmensch, von den "Ärzten ohne Grenzen" bis hin zu Greenpeace: Alle wissen, dass sie jetzt eine große Chance haben, aus ganz durchschnittlichen Menschen gute zu machen. Wer da ist . . . Unumstrittener Marktführer in diesem Geschäft mit Gefühlsgeld ist aber "Licht ins Dunkel". Das Stimmchen in einem großen, leeren Raum - ist da jemand? Natürlich ist jemand da, wir alle sind da. Der ORF hilft und zahlreiche Organisationen helfen, und Prominente tun es und auch Rentnerinnen. Manchen, die helfen, wird dadurch auch geholfen: Wo sonst bekäme der ORF derartige Quotenhits rund um Weihnachten her? Organisationen können werben und Promis sich einmal mehr - je nach Geschmack und Engagement - vor Punschhütten oder mit behinderten Kindern ablichten lassen. Wen kümmert es auch, dass lange nicht alle Spendenorganisationen Besitzverhältnisse, konkrete Projektdotierungen und Verwaltungsaufwand offen legen? Wer möchte schon gerade zur Weihnachtszeit als kleinlich gelten? Eine gute Sache ist es doch allemal. Ist es auch. Aber die Mechanismen des Spendenmarktes dürfen trotzdem hinterfragt werden. Wie ist es möglich, dass fast alle Bittbriefe einander gleichen? Sie sind sehr persönlich gehalten. Das geht ans Gemüt, fordert heraus, "gut" zu sein. Die wichtigsten Sätze sind unterstrichen - Nachdruck ist alles. Meist sind die Briefe dann auch noch in Pseudoschreibschrift oder in schlechter Maschinschrift verfertigt, so als hätte sie eine verzweifelte Krankenschwester eigenhändig aus Afrika geschickt. "Die kleine, ausgehungerte Ribka in meinen Armen ist bis auf die Knochen abgemagert . . . Sie sagen jetzt sicher auch: Da muss ich helfen . . . Ich werde die dankbaren Blicke meiner Kinder . . ." Aus einem Spendenbrief von "Ärzte ohne Grenzen" - einer Einrichtung, die übrigens völlig zu Recht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Natürlich schreiben Marketingprofis den Brief und keine Krankenschwestern, die haben anderes zu tun. Aber der Konkurrenzkampf am Spendenmarkt ist groß. Information über Hungersnöte, Menschenrechtsverletzungen, Missstände scheint nicht mehr zu genügen, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Politisches wird ausgeblendet, nicht an gesellschaftliche Solidarität wird appelliert, sondern an das Ego. Für eine gute Sache sind die (meisten) Spendenaufrufe doch allemal. Sind sie auch. Bloß: Denken wird durch Gefühl ersetzt. Die Ursache der Not wird nicht benannt, politische und gesellschaftliche Defizite kommen nicht ans Licht, sondern bleiben im Dunkeln. Es wird nicht verändert, sondern gelindert. . . . und wem das nützt Natürlich braucht aktuelle Not aktuelle Hilfe und nicht bloß politisches Engagement. Aber letztlich muss sich jede der Spendenorganisationen, auch jede/r Spendende fragen, ob sie nicht zu einer Verfestigung von sozialen Ungerechtigkeiten beitragen. Unser Staat schiebt nur allzu gerne Verantwortung ab. Die schwarz-blaue Regierung spart bei der Ausbildung, beim Arbeitslosengeld, in der Gesundheitsverwaltung, nicht alle Asylwerber/innen werden - wie international üblich - betreut, sondern viele der Barmherzigkeit Privater überlassen. Wer davon profitiert? Sicher nicht jene, die Hilfe bräuchten. Mit Sicherheit jene, die weniger Steuern zahlen, als es ihrer Gewinnsituation entspräche. "Licht ins Dunkel" unterstützt unter anderem die Finanzierung von Musiktherapie auf Kinderkrebsstationen, von Räumen für psychisch Kranke, von Hilfsangeboten für behinderte Säuglinge. Bundespräsident und Bundeskanzler, Vizekanzlerin und Finanzminister: Sie alle stellen sich wieder "in den Dienst der guten Sache", loben "Licht ins Dunkel" und die Spendenbereitschaft der Österreicher/innen. Warum sorgen sie nicht endlich dafür, dass im neuntreichsten Land der Welt behinderte Kinder, psychisch Kranke, die Ärmsten der Armen durch die staatlichen Sozialbudgets bestmöglich betreut und gefördert werden? Warum verhindern sie nicht viele unverschuldete Notlagen durch die Schaffung einer finanziellen Grundsicherung für alle? Warum kümmern sie sich nicht um eine staatliche Infrastruktur, die hilft, Startnachteile durch Herkunft, Geschlecht oder Behinderungen auszugleichen? Es bliebe auch dann noch genug zu tun. Nicht jedes Leid kann staatlich gelindert werden, immer wieder kann etwas geschehen, das unsere Hilfe fordert. Finanziell, aber auch im Sinn einer umfassenden Integration von Menschen in unsere Gesellschaft. Mit dem Ziel, dass alle selbstbestimmt leben können, dass wir alle "da sind". Eva Rossmann ist Autorin und Publizistin in Wien.