Rabat/Madrid - Marokkos Untertanen sehen den Sohn und fühlen sich unangenehm an den Vater erinnert. Denn ebenso wie unter Hassan II., dem 1999 verstorbenen Monarchen, bringt die Frage der Menschenrechte nun auch unter dem jungen Mohamed VI. das nordafrikanische Königreich auf. Die Marokkaner erhalten widersprüchliche Signale: Mohamed VI. richtet einen Menschenrechtspreis ein, während auf den Straßen der Hauptstadt die Polizei nun den zweiten Tag in Folge Demonstrationen der Marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte (AMDH) niedergeknüppelt hat. "Wir wollen, dass endlich die Wahrheit auf den Tisch kommt", erklärt der AMDH- Sprecher Mohamed Boukili, warum seine Organisation seit Tagen auf die Straße geht. Die Bürgerrechtler fordern Aufklärung über mehr als 600 Verschwundene aus den "schwarzen Jahren" der Diktatur von Hassan II. Außerdem hat die AMDH eine Liste von 14 hochrangigen Funktionären aus Polizei, Justiz und Armee erstellt, die die Menschenrechtler vor Gericht sehen würde. Als die AMDH- Anhänger am Samstag anlässlich des Internationalen Tages der Menschenrechte in Rabat öffentlich für diese Forderungen demonstrierten, ging das König und Regierung zu weit. Der Marsch wurde gewaltsam aufgelöst. 36 AMDH-Mitglieder, darunter der Vorsitzende der Organisation, Abderrahmane Benameur, wurden "wegen öffentlichem Aufruhr" festgenommen. Innenminister droht

Den Verhaftungen folgten am Sonntag erneute Proteste, und wieder schritt die Polizei ein. Obwohl die Festgenommen am Sonntagabend auf freien Fuß gesetzt wurden, will Innenminister Ahmed El Milaoui "gerichtlich gegen alle vorgehen, die das Demonstrationsverbot verletzt haben". Töne, wie sie früher von Milaouis abgesetztem Vorgänger bekannt waren, Marokkos lange mächtigem Innenminister Driss Basri.

"Die politische Öffnung ist nichts weiter als eine Chimäre", urteilt AMDH-Sprecher Boukili. Seit zwei Jahren regiert im Königreich - eingesetzt noch von Hassan II. - die so genannte "Regierung des Wandels" des früheren Oppositionschefs und Sozialisten Abderrahmane Youssoufi. Die Regimegegner von einst machen heute nicht nur der AMDH Probleme. "Seit Mai wurde keine einzige Demonstration mehr genehmigt. Egal, um was es geht, die Polizei schreitet hart ein", berichtet Boukili. Die unabhängige Presse des Landes, die der AMDH immer wieder breiten Platz einräumte, wurde vor etwas mehr als einer Woche mundtot gemacht. Drei Wochenzeitungen wurden auf einen Schlag geschlossen, nachdem sie über angebliche Verwicklungen der heute Regierenden in den Putsch von 1972 berichteten. (Standard-Korrespondent Reiner Wandler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2000)