Der heimische Krimibestseller "Komm, süßer Tod" soll jetzt ein Kinohit werden. Aus Anlass der STANDARD-Gala im Gartenbau-Kino sprach Claus Philipp mit dem Schriftsteller Wolf Haas, dem Regisseur Wolfgang Murnberger und Hauptdarsteller Josef Hader. Wien - Manche Gespräche beginnen doch ziemlich profan: "Schau einmal", sagt Josef Hader und hält seinem Regisseur ein zerfleddertes Etwas unter die Nase, das er "Terminkalender" nennt: "Schau einmal her da! Alles voll!" Wolfgang Murnberger gibt sich begeistert: "Na, fleißig!" Hader, beim Blättern: "In Großkaufhäusern in ganz Österreich gebe ich Autogrammstunden für den Film. Und da wär' noch eine Christmas-Survival-Night im Metro-Kino mit Komm, süßer Tod. Da könnte man auch noch auftreten!" Murnberger zögert: "Wenn man keine Familie hätte" - was Hader nicht gelten lässt: "Um 23 Uhr schlafen die Kinder schon." Aber Murnberger bleibt stur: "Zu Weihnachten dürfen die Kinder aufbleiben, so lange sie wollen." Des heiteren Geplänkels ernster Hintergrund: Wenn man zur Weihnachtszeit mit einen Film erfolgreich starten will, muss man Knochenarbeit leisten. Mit 40 Kopien kommt Komm, süßer Tod am 22. Dezember in die Lichtspieltheater - und da ist Kinowerbung allein zu wenig: Auch wenn der Hauptdarsteller Hader heißt, der gleichnamige Krimibestseller von Wolf Haas die Vorlage ist, der Soundtrack von den Sofasurfers eingespielt wurde und Murnberger bereits auf Großtaten wie Himmel oder Hölle und Ich gelobe! verweisen kann. Nicht unwesentlich zu einem Erfolg beitragen dürfte aber folgende Tatsache: Mit Komm, süßer Tod ist Murnberger/Haas/Hader ein Genrefilm abseits aller hierzulande gängigen Klischees von Schmäh und/oder Sentimentalität geglückt. Eine Thrillerkomödie, der man fast schon wieder Unrecht tut, wenn man sie zum Beispiel mit den frühen, lakonischen Kottan -Filmen vergleicht, weil Haas, so Murnberger, "immer wieder darauf bestanden hat, dass es nicht so wird wie bei Kottan ". Aber gut, fügt Hader hinzu: "Der Peter Vogel als Vorbild ist ja nicht unbedingt schlecht." Er habe von vornherein "Schadensbegrenzung" betrieben, erklärt Haas, der sich vor etwa zwei Jahren in einem Interview mit dem S TANDARD Murnberger als Regisseur einer Adaption seiner Brenner-Romane gewünscht hatte: "Das Comicshafte der Bücher sollte nicht noch mehr überhöht werden." Murnberger gesteht heute, dass er nach der ersten Lektüre durchaus Schwierigkeiten für eine filmische Umsetzung sah: "Die Qualität der Bücher liegt vor allem in einer Sprache, die sich in all ihrer Sorgfalt immer ein wenig schlampig gibt." Und: "Die Handlungsfäden sind für einen 100-minütigen Krimi doch ein bisschen schwer zu entwirren." Haas: "Aber meine Bücher beruhen eben auf Verdrehtheiten, auf Konzeptlosigkeit, einem Einfach-drauflos-Rennen." Was ja durchaus Sinn mache: "Verdrehte Wege führen oft zu den interessanteren Aussichtsplätzen." Im Fall von Komm, süßer Tod entführen sie (auch) in miefige Aufenthaltsräume von Rettungsfahrern, ein Wien, in dem sich geradezu grausam eine Baustelle an die andere reiht und Mordwaffen zuckersüß sein können. Dazu: seltsame Assoziationen zur Musik von Bach und das eher komplizierte Privatleben des Expolizisten Brenner, der nach einem Verhältnis mit der Frau eines Vorgesetzten nur missmutig den Samariter abgibt. Wer killt wen? Soll sich da einer auskennen? Nicht unbedingt. Murnberger: "Wir hatten nur zwei Möglichkeiten: Entweder - Handlung, Spannung, Action. Oder: Man breitet sich, wie Haas' Sprache, lustvoll aus, und die Handlung leidet immer ein wenig darunter. Irgendwann einmal haben uns gewisse Detailinfos aber auch nicht mehr interessiert. Man erfährt jetzt zum Teil nicht einmal mehr vollständig, wer da wen umgebracht hat. Insgesamt haben wir mehr auf Milieu, Dialogwitz und auf Szenen gesetzt, die sonst eigentlich rausfallen." Und Josef Hader fällt dabei endgültig aus der Rolle des kabarettistischen Pointenlieferanten. Durchaus befriedigt sieht er "jetzt überhaupt keinen Josef Hader mehr in dem Film. Nur den Brenner. Aber ich sehe, dass ich ihn mit meinen Mitteln gestaltet habe." Also: Wenn er sich von einem übereifrigen Zivildiener (Simon Schwarz) mit kriminalistischen Exkursen löchern lassen muss, ist er auf komischste Weise ein stiller Brüter: "Ein langsamer Held in einem schnellen Film." Wobei Murnberger nach einer Drehzeit von nur sieben Wochen gerade auf das Tempo stolz ist: "Jede Einstellung muss sich bei so einer Geschwindigkeit auszahlen und präzise sein - nur so erreicht man, was uns vorschwebte: im Einzelnen alles klar stellen, auch wenn allgemein Konfusion herrscht. Oder: Konfusion in Kauf nehmen, um nicht an Detailtreue zu verlieren." Hader dazu: "Man muss ja nicht genauer sein als unbedingt notwendig. Das ist oft ein Problem im österreichischen Film. Viele sind ganz unbedingt genau, damit ihnen nachher niemand etwas nachweisen kann: die Filmakademie nicht, die Kritiker nicht, die Förderer nicht. Also traut man sich auch nicht, einfach etwas zu behaupten, obwohl doch gerade Film ein Medium ist, in dem man so großartig Dinge behaupten kann. Außerdem bin ich ein großer Verfechter der Unterinformation. Alles, was man nicht weiß, irritiert, und in dem Moment beginnt der Zuschauer sich im Kino wie im Kabarett vorzubeugen: Was wird da jetzt? Wenn man hingegen alles weiß, lehnt man sich zurück - und schläft wahrscheinlich ein." Haas: "Es ist ja in der Literatur durchaus ähnlich: Wenn man zum Beispiel ein Gesicht zu genau beschreibt, kann der Leser es sich schlechter vorstellen." Im Fall von Komm, süßer Tod kann man sich vorstellen, dass hier noch einige sorgfältig schlampige Brenner-Filme folgen dürften. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 12. 2000)