Darf man im Zusammenhang mit Gütern wie Bildung oder Gesundheit von einem "Defizit" sprechen? Nein, sagt der Menschenverstand. Ja, sagt die Politik bei der Gesundheit. Weil die Krankenkassen zurzeit eben rote Zahlen schreiben. Dabei ist es natürlich ausschließlich der Wille einer Gesellschaft, wie viel die Gesundheit wert sein darf. Und man braucht kein Prophet zu sein, um vorhersagen zu können, dass die Ausgaben dafür stetig weiter steigen werden. Über kurz oder lang wird daher eine Beitragserhöhung in der Krankenversicherung unumgänglich sein - oder das "Defizit" wird aus Budgetmitteln abgedeckt. Denn die diskutierten und geplanten neuen Selbstbehalte lösen das Finanzierungsproblem nicht. Die Möglichkeiten und Bedürfnisse auf dem Gesundheitsmarkt sind prinzipiell grenzenlos. Deswegen wird wohl in allen Industrieländern über Limits diskutiert werden müssen - allerdings nicht nur über finanzielle, sondern vor allem über ethische. Weil mithilfe der Gentechnik beispielsweise nicht nur Krebsleiden besser bekämpfbar, sondern auch diagnostische Möglichkeiten stark wachsen werden. Soll schon bei - oder sogar vor - der Geburt festgestellt werden, ob ein Mensch irgendwann einmal an Alzheimer erkranken kann? Soll alles gemacht und alles bezahlt werden, was die Medizintechnik eröffnet? Und: Werden wir dadurch gesünder und zufriedener? In Österreich hat ein quasistaatlicher Gesundheitsdienst allen sozialen Gruppen relativ ungehinderten Zugang ermöglicht. Es gibt aber eine Menge versteckter Hürden und kein klares Gesamtkonzept. Auch in Österreich wird man nicht umhinkommen, irgendwann einmal zu fragen: Wie viel darf und muss Gesundheit kosten? Ist unser System effizient? Und wo sind die ethischen Limits, die gesetzt werden müssen? (DerStandard, Print-Ausgabe, 13.12.2000)