"Ebenso wie John F. Kennedy einen Zettel mit sich trug, der ihn an seinen knappen Sieg erinnerte, sollte Mister Bush die komplizierteren Zahlen dieser Wahl im Auge behalten", warnt die New York Times den vermutlich nächsten Präsidenten der USA. Wenn George W. Bush - wie anzunehmen ist - am 20. Jänner 2000 sein Amt als 43. Präsident einer zweigespaltenen Nation antritt, muss er auch der enormen historischen Last eingedenk sein, mit der seine Amtszeit beginnt. Erstmals in der Geschichte des Landes verdankt ein Präsident seine Position einem von vielen nun als parteiisch betrachteten Höchstgericht, zum zweiten Mal tritt ein Präsidentensohn in die Fußstapfen seines Vaters. Bush würde der erste Präsident seit 1888 sein, der sein Amt nur aufgrund des Wahlmännersystems und nicht auch der absoluten Stimmenmehrheit antritt. Und zum ersten Mal seit langer Zeit wird Bush an der Spitze eines Landes stehen, das nicht nur in der Wählerschaft, sondern auch im Repräsentantenhaus und Senat in der Mitte gespalten ist. Bush muss nun seine Wahlversprechen einlösen und seine Fähigkeit unter Beweis stellen, dass er Amerika hinter sich vereinigen und den starken Spaltungen im Land entgegenwirken kann. "Ich vertraue Menschen", sagte er. "Ich denke, ich höre zu und vertraue meinen Instinkten und dem Rat, den ich erhalte. Und ich bin zugänglich." Inwieweit der Gouverneur von Texas, in dessen Staat während seiner sechsjährigen Amtszeit insgesamt 150 Todesurteile vollstreckt wurden und der sich einem Reporter gegenüber über das Gnadengesuch einer zum Tode verurteilten Frau lustig machte, seinen "mitfühlenden Konservativismus" zum Tragen bringen wird, bleibt einstweilen noch dahingestellt. Während des 18-monatigen Wahlkampfes erwarb Bush ein Image als intellektuelles Leichtgewicht, der sich kaum für Politik im tieferen Sinn interessiert und wenig Neugier für das gezeigt hat, was sich außerhalb von Texas abspielt. "Bush wirkte oft wie ein Schüler, der nur selten seine Hausaufgaben macht, von Thema zu Thema segelt und gerade genug lernt, um die Schularbeit zu schaffen", urteilte die Washington Post. Darüber hinaus muss er gegen den Eindruck kämpfen, Entscheidungen als "Daddy's Boy" zu treffen - dem hat er mit dem Einsatz von einer Reihe von ehemaligen Mitgliedern der Regierung seines Vaters wohl kaum entgegengewirkt. Eines steht fest: Die Humoristen und Komiker des Landes haben insgeheim auf einen Sieg von "Dubya" gehofft, der ihnen vermutlich genügend Material für die nächsten vier Jahre liefern wird. Bereits jetzt existiert eine Website: Bushismen - eine lohnende Quelle für Bush-Beobachter