Linz - Die in Melk getroffene Vereinbarung zwischen Österreich und Tschechien in der Frage des südböhmischen Atomkraftwerks Temelin stand am Mittwoch im Widerstreit der Meinungen. Selbst innerhalb der Anti-Atom-Bewegungen gibt es deutlich unterschiedliche Beurteilungen. Dies gilt im besonderen für die vereinbarte "umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung" (UVP) für das AKW und für Sicherheitsbegutachtungen durch ein internationales Expertengremium. Pühringer II Der Sprecher der oberösterreichischen Plattform gegen Atomgefahr, Josef Pühringer - es handelt sich um eine zufällige Namensgleichheit mit dem oberösterreichischen Landeshauptmann - bezeichnete in einer ersten Reaktion das Verhandlungsergebnis von Melk als unbefriedigend. Es gebe dafür die Noten "Genügend" oder "Nicht Genügend". Dies wies am Mittwochvormittag der Obmann des Österreichisch Tschechisch Anti Atom Komitees, der oberösterreichische VP-Landtagsabgeordnete Otto Gumpinger, zurück. Es handle sich bei der Vereinbarung um ein "sehr akzeptables Ergebnis, wesentliche Forderungen der Temelin-Gegner sind erfüllt", meinte Gumpinger. Er fügte hinzu, dass er sich im Übrigen nicht auf die Ebene des Verteilens von "Schulnoten" begebe wie Pühringer, der "als freigestellter Volksschuldirekter dazu wahrscheinlich einen anderen Bezug" habe. Stockinger Der Klubobmann der ÖVP im oberösterreichischen Landtag, Josef Stockinger, bezeichnete die in Melk vereinbarte umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für das AKW als einen "wesentlichen Schritt in die richtige Richtung zur endgültigen Verhinderung von Temelin". Leider sei die Abschaltung des Reaktors nicht durchsetzbar gewesen, "unsere eigenen Atomexperten sagen uns aber, dass eine UVP trotzdem voll durchführbar ist", erklärte Stockinger. "Wir sind auf dem richtigen Weg zum endgültigen Stopp Temelins". Detailansicht FPÖ-Landesobmann Hans Achatz sagte, das Verhandlungsergebnis von Melk müsse man sich jetzt "im Detail" ansehen. Nach einer ersten Begutachtung zeige sich, dass das Ergebnis unbefriedigend sei. Dies gelte vor allem für die UVP, die nur den Anschein eines internationalen Standards habe und vor allem deswegen nicht effizient durchgeführt werden könne, weil gleichzeitig der Probebetrieb in Temelin laufe, sagte Achatz. Der oberösterreichische Zivilschutzverband begrüßte das Ergebnis von Melk, die Bedenken der Bevölkerung würden "zumindest ernst genommen". Im Mühlviertel selbst dürfte die Stimmung der Bewohner mehrheitlich positiv für die Melker Vereinbarung sein. "Ich glaube, wir haben jetzt Grund zum Optimismus", sagte beispielsweise der Bürgermeister von Freistadt, der VP-Nationalratsabgeordnete Josef Mühlbachler. Es sei zwar möglich, dass es immer noch Gruppen gibt, die weitere Aktionen und Grenzblockaden möchten, "es würde aber vermutlich nur mehr ein geringer Teil der Bevölkerung mit machen", sagte Mühlbachler. Global 2000 warnt vor "blauäugiger Euphorie" Auf wenig Gegenliebe ist das Ergebnis der Verhandlungen zum umstrittenen Atomkraftwerk Temelin bei Umweltschutzgruppen in Österreich gestoßen. Greenpeace beurteilte die Einigung auf eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung des AKW unter Aufsicht der EU-Kommission am Mittwoch skeptisch und warnt vor einer "blauäugigen Euphorie". Die Art der Durchführung werde der "Prüfstein" sein, erklärte Greenpeace-Sprecher Franko Petri. Grundsätzlich begrüße man aber die Vereinbarung zu einer umfassenden UVP mit Einbeziehung internationaler Experten. Die Umweltorganisation Global 2000 zeigte sich über das Ergebnis des Temelin-Gipfels sogar verärgert. "Das in den frühen Morgenstunden präsentierte Abkommen ist eine Augenauswischerei", meinte Andrea Paukovits, die Sprecherin der Gruppe. Man fürchte, dass Österreich seinen "einzigen Trumpf" - die Blockade Tschechiens bei den EU-Beitrittsverhandlungen - ohne Gegenleistung aus der Hand gegeben habe. (APA)