Mainz - Sie lauern in Felsspalten, im Laub oder unter der Baumrinde: Die Riesenkrabbenspinnen sind "lautlose Jäger", die vorbeilaufende Insekten dank hoch sensibler Hörhaare orten und dann pfeilschnell mit ihren Giftzähnen betäuben. Der Forscher Peter Jäger von der Universität Mainz hat 50 neue Arten der sonst vornehmlich tropischen Spinnenfamilie bestimmt, die im nepalesischen Himalaya in bis zu 3.800 Metern Höhe Eis und Schnee trotzen. Fünf Jahre lang wertete der Wissenschafter hunderte konservierter Spinnen aus, die in verschiedenen Regionen von Asiens höchstem Gebirge gesammelt worden waren. "Die neu entdeckten Gruppen haben sich im Gegensatz zu ihren Wärme liebenden Verwandten speziell an das Leben in höheren und kühleren Regionen angepasst", erklärt der promovierte Arachnologe (Spinnenforscher). Um Winterfröste überleben zu können, hätten die drei neuen Gattungen angehörenden Spinnen im Laufe ihrer Evolution ein "biologisches Frostschutzmittel" entwickelt. Frostschutz "Sie lagern mehrwertige Alkohole in ihre Körperflüssigkeit ein und können so Temperaturen unter Null überstehen", sagt der 32-jährige Forscher, den die langbeinigen Wesen schon als Kind faszinierten. Er konnte mit Hilfe morphologischer Analysen erstmals auch die Herkunft verschiedener Spezies nachweisen. "Die Vorfahren der heutigen Arten sind von Osten an der Bergkette entlang nach Westen gewandert. In den steilen Tälern des Himalaya entstanden dann immer wieder neue und höher entwickelte Arten". Die drei bis 40 Millimeter großen Riesenkrabbenspinnen sind für den Menschen völlig ungefährlich. Weltweit sind bisher rund 1.000 Arten bekannt. Arachnologe Jäger erwartet in nächster Zeit gerade im asiatischen Raum noch zahlreiche Neuentdeckungen: "Wenn man bedenkt, wie groß allein China ist, ist das erst die Spitze des Eisbergs, was die Artenvielfalt angeht." In Asien stehe die Spinnenforschung im Vergleich zu Europa noch am Anfang. Aus diesem Grund will Jäger, der die süddeutschen Arbeitsgruppen der 300 Mitglieder starken Arachnologischen Gesellschaft (Bayreuth) leitet, in Zukunft eng mit der Pekinger Akademie der Wissenschaften kooperieren. Interesse an der Verwertung Die Erfassung neuer Arten und Gattungen fördert nach Einschätzung des Spinnenkundlers neben dem Verständnis des "Ökosystems" Himalaya möglicherweise auch die Volkswirtschaft. "Die Industrie ist immer auf der Suche nach neuen Spinnengiften, die vielleicht für Arzneien sinnvoll sind", sagt Jäger. Außerdem könnten neue Arten unter Umständen auch Chinas Landwirtschaft zu Gute kommen, die 1,3 Milliarden Menschen versorgt: "Es wäre interessant, bestimmte Spinnen als Schädlingsbekämpfer in Reisfeldern anzusiedeln. Dann muss man keine Insektizide mehr spritzen." (APA/dpa)