Wien - Mit ersten Szenen wird etwas ins Bild gesetzt, eine Art von Weltentwurf. Das machen alle Filme, mehr oder weniger. Manche machen auch erst einmal nicht viel und warten ab. Ternitz, Tennessee , das Spielfilmdebüt der österreichischen Regisseurin Mirjam Unger ( Mehr oder weniger ), gibt gleich Vollgas. Eine große, schrille Aufgeregtheit bestimmt den Tonfall, bevor man noch richtig erfahren hat, worauf sie sich beziehen soll. Ein Plakat gibt den Anstoß dafür, dass zwei Freundinnen bald darauf im offenen Mustang kreischend über die Landstraße brausen. Oder für einen wilden Tanz im Mädchenzimmer, während nebenan, wie herbeizitiert, im abgedunkelten Zimmer die Mutter (Birgit Doll) der Vergangenheit nachtrauert. Diese ersten "Behauptungen" von gelebter Intensität werden jedoch von dem, was später kommt, nicht ausgefüllt. Vor dem Film steht der Vorspann. Auch der liefert Hinweise auf das, worum es hier gehen könnte. Ansichten von "Gegenden", die verwischen. Horizontale Bewegungen, die einen Handlungsraum andeuten: Wir sind in Ternitz, Tennessee . Österreichische Kleinstädte sehen einander immer ähnlich(er) - der wunderschöne Song zum Abspann spinnt diese Idee weiter -, und insofern ist es egal, ob der Film in Ternitz spielt oder anderswo. Die These ist aber, dass die (österreichische) Kleinstadt ein eigenes Lebensgefühl und bestimmte Mangelerscheinungen hervorbringt, gewisse Bedürfnisse weckt, weil sie so viele nicht befriedigen kann. Welche Sehnsüchte gibt es hier also, und wohin damit? Im übertragenen Sinne geht es himmelwärts, ums Abheben und Davonfliegen - davon erzählen die eingestreuten Traumbilder, in denen glitzernd rote Cowboyhüte den Flugzeugen nachwirbeln. Auf dem Boden der Realität träumt die Automechanikerin Lilly (Nina Proll) von Amerika und von einem Pamela-Anderson-Busen. Dass man das als Wunsch ernst und nicht sofort furchtbar tragisch nimmt, wäre ein interessanter, eigenwilliger Ausgangspunkt. Das ist irgendwie noch nachvollziehbarer als der zweite Hauptstrang der Erzählung, der sich um die große Schwärmerei der Hundefriseurin Betty (Sonja Romei) für den fahrenden Küchengeräteverkäufer El Bresli (Gerald Votava) dreht. Überdies sind die Heldinnen des Films als solche eigenartig unausgegoren. Man weiß nicht genau, ob man es nun mit Teenagern oder mit jungen Frauen zu tun hat. Die offensive Zurschaustellung der Körper versus die Naivität und Unsicherheit angesichts der vorhersehbaren Reaktionen auf derartig "objektivierte" weibliche Reize ist nur eine der vielen spürbaren Unentschiedenheiten und Unstimmigkeiten, die den Film als ganzen zum eigentümlichen Hybrid werden lassen. Schuss, Gegenschuss: Betty als verzückter Fan inmitten einer kreischenden Menge von ebensolchen. Ihr Gegenüber: ein hüftkreisender Entertainer in 70er-Jahre-Elvis-Montur, der das dazugehörige Repertoire abspult. Dazwischen klafft nicht nur der Abstand zwischen zwei Einstellungen, sondern auch ein erzählerisches Manko, weil die vorgeblich intensive Spannung ganz äußerlich bleibt. Dabei hat die Regisseurin in ihren kompakten Kurzfilmen gerade solche Formationen souverän genutzt, wie etwa mit Speak Easy , dessen Montage kommentarlos Zusammenhänge implizierte, aber auch als Abfolge von kleinen Szenarien lesbar blieb. Das "Pop-Märchen", das Ternitz, Tennessee laut Eigendefinition sein möchte, hebt jedenfalls nicht ab. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 12. 2000)