Das Imperialkino gibt auf seinem Programm nicht nur seine Telefonnummer, sondern auch die der Breitenseer Lichtspiele an, und auch die öffentlichen Verkehrsmittel von der Hütteldorfer Straße und von Breitensee aus in die Innenstadt. Man ist dann rasch am Schwedenplatz, und von dort ist es nicht mehr weit. Mit dem Zehnerblock kostet eine Kinokarte 40 Schilling. Vergisst man ihn, wird es auch nicht viel teurer. Man kann sich zurücklehnen und entspannen, was - wie der Schlaf oder der Tod - gerade mit dem besten Willen zu beidem nicht ganz leicht zu erreichen ist. Deshalb ist die Verbindung zum Imperialkino wichtig. Dort ist es zwar auch nicht einfacher zu schlafen oder zu sterben, aber man will es auch nicht mehr. Rettung, gierig Ebenso wenig wie am Dienstag während der Premiere von Wolfgang Murnbergers Film "Komm, süßer Tod" im Gartenbaukino. Hier taucht die schöne Landschaft am Ende von Ottakring auf, während davor Wagen ineinander krachen und die Kreuzretter mit den Verletzten verwegen wenden. Konkurrierende Rettungsgesellschaften - gierig wie Fraktionen der katholischen Kirche. Zur Verantwortung gezogen werden sie gleich von einem strengen Oberkreuzretter, gespielt von Michael Schönborn, einem Bruder Christoph Schönborns, seinem Gegenteil. Schön, dass es Gegenteile gibt. Dass sich auch innerhalb einer Familie oder einer Religion nicht alle wie an Drähten gezogen bewegen. An Drähten und Gesetzen, die zwischen Rom und Wien frei erfunden werden und keine Andersdenkenden, keine Nichtmarionetten, zulassen. Auch im Film nach dem Buch von Wolf Haas gibt es harte, wenn auch ganz kontroverse Gesetze, und die Bewegungsfreiheit muss jeden Augenblick neu erreicht werden. Aber zum Glück gibt es das Imperialkino: Dabei sah es eine Zeit lang so aus, als hätte es seinen Geist aufgegeben. Jetzt, nachdem es angeblich renoviert wurde und der Fußboden angeblich nicht mehr einsturzgefährdet ist, treiben dort Stan Laurel und Oliver Hardy ihr Unwesen. "The world didn't stop laughing", heißt es im Vorspann vor ihren Filmen. Er ist von 1940. Möglicherweise stimmt das aus amerikanischer Sicht selbst für dieses Jahr. Die Welt will selten mit ihrem Gelächter aufhören, in einem Jahr, in dem das Gelächter umso mehr nötig gewesen wäre, je absurder es wurde. Eben jetzt, nach der Wahl von George Bush, versprechen sich einige New Yorker Kolumnisten zu ihrem Trost doch einige schöne Pointen: "Bushisms" werden seine kaum wiederzugebenden Bemerkungen genannt. Schade. Exakt, gefährdet Stan Laurel und Oliver Hardy brechen in dunklen engen Anzügen und mit steifen Hüten durch Decken und Wände, auch durch Marmorportale, und retten sich aus Feuer und Wasser wieder zurück. Sie werden ertappt und verfolgt, in die Luft geschleudert, in Fässer gesteckt und über Gitter geworfen, landen in Spitalsbetten oder Einzelzellen und hören nicht auf, exakt in jede Falle zu tappen: so exakt und geführt durch gefährdete Strategie wie die alliierte Invasion 1944. "Das will i net wissen", sagte die Dame mit der roten Mütze an der Kinokasse im Imperialkino einmal nach einem Problemfilm über den Zweiten Weltkrieg und fügte hinzu: "Weil ich's eh schon weiß." Aber: Was man weiß, kann man gar nicht oft genug erfahren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2000)