Nach 15 Jahren im Wienerberger-Vorstand wird Wolfgang Reithofer (52) nun - zumindest für fünf Jahre - an der Spitze für die Geschicke des österreichisch-belgischen Konzerns verantwortlich sein. In den vergangenen Jahren hat der studierte Jurist gezielt die internationale Expansion des Ziegelbereichs vorangetrieben. 1999 gelang es dem auf Vorstandsebene für die Baustoffsparte zuständigen Reithofer, den Konzern mit dem Kauf des zweitgrößten US-Ziegelkonzerns General Shale zu einem transatlantischen Player zu machen. Reithofer hat das traditionsreiche Wiener Schottengymnasium absolviert und neben Jus auch Betriebswirtschaft studiert. Nach seinem Abschluss war er bis 1980 Vorstandsassistent bei der Union Baugesellschaft, nach einem Gastspiel bei der CA-Tochter Österreichische Realitäten AG wechselte er zu Wienerberger, wo er zunächst für die Bereiche Personal, Recht, Controlling sowie Finanz- und Rechnungswesen zuständig wurde. 1985 rückte er in den Unternehmensvorstand auf, im Jahr 1992 wurde Reithofer zum Generaldirektorstellvertreter ernannt. Im als ungewöhnlich harmonisch geltenden langjährigen Führungstrio des Ziegelkonzerns mit Schaschl und Tanos eilte Reithofer der Ruf des Finanzgenies und Verhandlungstaktikers voraus. Unter seinen Mitarbeitern hat er sich den Ruf erworben, Widerspruch zu schätzen. Er selbst will für seine Ehrlichkeit anerkannt werden. Dabei lässt sich der Workaholic nicht von seiner Krankheit ablenken. Reithofer leidet seit rund einem Jahrzehnt an multipler Sklerose und ist an den Rollstuhl gefesselt. Statt mit seinem Schicksal zu hadern, ist er voll eines unbändigen Arbeits- und Reisewillens. "Ich muss ja nicht als Langstreckenläufer auftreten", lautet das Credo des Vielfliegers, der zwei bis drei Tage pro Woche im Flugzeug unterwegs ist, um neue Geschäfte einzufädeln. Vor seiner Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden des weltgrößten Ziegelkonzerns hat er sich von seinen Ärzten in einem geschlossenen Kuvert seine Berufstauglichkeit bestätigen lassen. Er selbst macht nicht den Eindruck, unter seiner Krankheit zu leiden. Wie vernarrt Reithofer in seine Arbeit ist, lässt sich auch daran ablesen, dass er in einem Interview als zuletzt gelesenes Buch Geschäftsberichte nannte. Gefragt, welche historische Person ihn am meisten beeindruckt, nannte er Julius Cäsar, dem als herausragende Eigenschaften Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Wille zur Expansion nachgesagt werden. Nebenbei ist Reithofer Präsident des Verbandes der Ziegelwerke und Aufsichtsrat der Treibacher Industrie AG. Der Baustoffmanager ist verheiratet und hat zwei Söhne (27 und 25 Jahre) und eine 23-jährige Tochter. (Clemens Rosenkranz, D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 16. 12 . 2000)