Hamburg/Wien - Wenn der ÖIAG-Aufsichtsrat am Dienstag den Startschuss für die Privatisierung des 41,1-Prozent-Bundesanteils an der Austria Tabak gibt, so muss sie möglicherweise bereits einen aussichtsreichen Kaufinteressenten aus ihrer Liste streichen. Am vergangenen Freitag wurde nämlich der Vorstandschef der deutschen Tchibo-Gruppe, Günter Herz, von seiner Familie nach 35 Jahren an der Spitze entmachtet. Herz galt als treibende Kraft hinter einer weiteren Expansion der Holding, zu der neben den Kaffeegesellschaften Tchibo und Eduscho auch die Mehrheit am Zigarettenkonzern Reemtsma gehört. Reemtsma war schon länger am Kauf der ÖIAG-Anteile an der AT interessiert und war laut Medienberichten bereit, bis zu 9,5 Mrd. S (690 Mio. EURO) zu zahlen. Günter Herz und seine Schwester Daniela hatten einen Börsegang von Tchibo angestrebt, wodurch frisches Geld für Akquisitionen hineingekommen wäre. Seine Brüder Michael, Wolfgang und Joachim, die nun das Sagen im Konzern haben, wollen hingegen die Kontrolle der Familie nicht aus der Hand geben. Ein Gang an die Börse wird nunmehr für die nächsten Jahre ausgeschlossen. Aufsichtsratschef Jens Odewald wurde nun von den Brüdern beauftragt, einen neuen Vorstandschef von außerhalb der Familie zu suchen. Allein die Unsicherheit über die zukünftige Führung macht es unwahrscheinlich, dass Reemtsma bei der AT mitbietet.

Der ÖIAG-Aufsichtsrat will nun eine internationale Investmentbank auswählen, die den AT-Verkauf abwickeln soll. Neben Reemtsma gelten die französisch-spanische Altadis sowie die britischen Konzerne Gallaher und Imperial Tobacco als Interessenten. (ef/DER STANDARD, Printausgabe, 19.12.2000)