Selten kommt es vor, dass man als Laudator das Gefühl hat, sich beim Ausgezeichneten für die Auszeichnung entschuldigen zu müssen. Bei Rudolf Burger beschleicht mich unweigerlich dieses Gefühl. Als ich als Mitglied der Jury für den Kulturpublizistik-Staatspreis Rudolf Burger vorschlug, erntete ich bei den Mitjuroren ungläubiges Erstaunen - und dies nicht etwa, weil sie den Philosophen nicht für preiswürdig hielten, sondern weil sie wie selbstverständlich annahmen, dass Burger den Preis doch schon längst bekommen haben müsste. (. . .)

Schärfe - das ist, spricht man von Rudolf Burger, ein Stichwort. Wenn Rudolf Burger in einer breiteren Öffentlichkeit für etwas berühmt und berüchtigt wurde, dann für eine Mischung aus profunder, mitunter überraschender Sachkenntnis, stilistischer Brillanz und einer mit unerbittlicher Stringenz vorgetragenen Schärfe der Argumentation, die in einem Land befremdlich erscheinen muss, dessen Intellektuelle auch in der Auseinandersetzung harmoniesüchtig sind und deren Kritik noch stets der Larmoyanz verschwistert war.

So sehr Rudolf Burger das in diesem Land beliebte argumentum ad hominem verabscheut, so sehr favorisiert er die schroff zugespitzte These - weniger allerdings einer Pointe, sehr wohl aber einer Einsicht willen. Burgers Position, vor allem im Verhältnis zur aktuellen Politik, ist die des distanzierten Beobachters, der sich von Stimmungen und Emotionen weder beeinflussen noch unter Druck setzen lassen will - und das gilt für seine Reflexionen zu Fragen der internationalen Politik wie etwa dem Nato-Einsatz am Balkan ebenso wie für seine Bemerkungen zu den Absonderlichkeiten der österreichischen Innenpolitik.

Zynismus als Qualität

In überhitzten und hysterischen Zeiten, wie wir sie vor allem seit den letzten Nationalratswahlen erleben, sind seine Plädoyers für Genauigkeit, Gelassenheit und für eine Angemessenheit der Urteile und Kategorien so auch Einwürfe, die eine Debatte oft erst auf den Punkt und damit so richtig zum Sieden bringen. Es konnte so nicht ausbleiben, dass ihn immer wieder der Vorwurf des Zynismus traf, ein Vorwurf, den Burger ungerührt mit der Bemerkung hinzunehmen pflegt, dass in Zeiten der moralischen Erpressung der Zynismus eine sittliche Qualität sein kann.

Allerdings: Wenn sich Rudolf Burger, der ja eher selten Kommentare in einem tagespolitischen Sinn verfasst, einmal wirklich mit einer Frage befasst, dann in einer Weise, die es nicht mehr erlaubt, hinter die dabei vorgebrachten Einsichten und Argumenten zurückzufallen. So halte ich Burgers Essay "Austromanie oder der antifaschistische Karneval", der im Mai dieses Jahres im Merkur erschienen ist, für eine stringente Analyse der neueren österreichischen Geschichte und der gegenwärtigen politischen Situation, ohne deren Kenntnis über diese Fragen nicht sinnvoll diskutiert werden kann.

Neben den analytischen Fähigkeiten eignet Rudolf Burger eine seltene Begabung für die prägnante Formulierung, die eine politische Konstellation auf einen provozierenden Punkt bringt. Oft aus dem Kontext gerissen, machen diese Formulierungen dann die Runde, und einige sind mittlerweile schon selbst nahezu historisch geworden:

Eine Bemerkung aus den 80er-Jahren, mit der er die visionären Illusionen einiger SP-Vordenker dämpfen wollte - "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" - wurde dem damaligen Bundeskanzler in den Mund gelegt und sorgte für nicht wenig Aufregung; seine Bemerkung, dass ihn die österreichische Außenpolitik in der ersten Phase des Zerfalls Jugoslawiens an das Verhalten eines "kriegsgeilen Kiebitz" erinnere, geriet zum Skandal; mit seiner polemischen Kennzeichnung einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung als "herrenlose Sekretäre, vom Kanzler abwärts" traf er ins Mark einer verhängnisvollen politischen Rekrutierungspolitik, auch wenn er den kühlen Pragmatismus des damit kritisierten Kanzlers durchaus schätzte.

Seine Beschreibung des politischen Programms von dessen Nachfolger als das einer "zähnefletschenden Herzlichkeit" wird noch in Erinnerung sein, wenn die Träger dieser Politik längst dem Gedächtnis entschwunden sein werden. Und angesichts der unter dem Titel "Holocaust" praktizierten kulturindustriellen Vermarktung und moralischen Instrumentalisierung des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte hat Burger das Wort von der "Sekundärausbeutung der Opfer" geprägt, mit dem er, der angebliche Zyniker, sich gegen den alltäglich praktizierten Zynismus einer Haltung verwehrt, die in den Opfern eines Massenmordes nur mehr die profitablen Helden einer sentimentalisierten Massenkultur sieht, die zudem jederzeit zwecks billiger Selbstimmunisierung in den alltagspolitischen Dienst genommen werden können.

Sachinteresse geht vor

Ich kenne Rudolf Burger nun fast auf den Tag genau seit 20 Jahren. Und die Umstände unserer ersten Begegnung sagen über ihn vielleicht mehr aus als viele Worte. Ich hatte damals, kurz nach Fertigstellung meiner Dissertation, im Mitteilungsblatt des Instituts für Wissenschaft und Kunst einen ersten größeren Aufsatz veröffentlicht. Wenige Tage nach Erscheinen des Artikels erreichte mich ein Anruf aus dem Institut, ich solle mich bei einem Herrn Burger im Wissenschaftsministerium melden.

Rudolf Burger, damals noch Beamter in der Forschungsabteilung des Wissenschaftsministeriums, hatte meinen Text gelesen und aufgrund dieser Lektüre mich, den damals völlig Unbekannten, kontaktiert, um sich mit mir über die Thesen dieses Aufsatzes zu unterhalten. Solch ein von keinerlei persönlichen Beziehungen, Empfehlungen oder Interventionen getrübtes Interesse an der Sache habe ich seither in diesem Land kaum mehr erlebt.

Rudolf Burger repräsentierte so für mich immer auch den Typus eines akademischen Beamten, der alle Tugenden in sich vereint, die der neoliberale Zeitgeist diesem Berufsstand in der Regel abspricht: Korrektheit, Effizienz, Produktivität, Neugier, Weltoffenheit, politisches Engagement und nicht zuletzt: Unbestechlichkeit im Urteil.

Freiheit des Denkens

Man wird, wenn die Pläne der gegenwärtigen Bundesregierung zur Liquidierung des akademischen Berufsbeamtentums realisiert sein werden und sich auf der einen Seite smarte Techniker aller Schattierungen wieselflink zwischen wissenschaftlichen und kommerziellen Interessen hin- und herbewegen werden und sich auf der anderen Seite verschreckte Geistes- und Sozialwissenschafter um jene ideologischen Vordienstleistungen bemühen, die ihnen wenigstens eine befristete Anstellung ermöglichen sollen, noch mit Wehmut an jene Zeiten zurückdenken, in denen ein Bewusstsein davon vorhanden war, dass die Freiheit der Wissenschaft auch staatlicher und institutioneller Rahmenbedingungen bedarf, und nicht nur, wie es die EU-Charta, feig und selbst entlarvend formuliert, "geachtet" werden soll.

Rudolf Burger ist für mich auch ein Beispiel dafür, was es heißt, die Verantwortung, die einem kraft eines Amtes übertragen wird, zu übernehmen und gerade deshalb sich in der Freiheit seines Denkens durch keine falschen Rücksichtnahmen beschränken zu lassen - auch wenn dies mitunter sogar Freunde verstören mag. Dafür habe ich, dafür haben wir ihm zu danken.

Konrad Paul Liessmann lehrt Philosophie an der Universität Wien.