Wien - Als Fließbandarbeiter im Dienst der Quote sieht sich Xaver Schwarzenberger selbstverständlich nicht. Der Regisseur und Kameramann, der seit 1995 für den ORF zwei TV-Filme pro Jahr dreht und das per Vertrag noch bis 2005 machen darf, glaubt schon an eine "gewisse Qualität" in seinen Werken. Und dass Reality-TV wie Taxi Orange in einem öffentlich-rechtlichen Sender wie dem ORF schlicht nichts verloren hat. Schwarzenbergers neuester Film O Palmenbaum (27. 12., 20.15, ORF 2), zweiter Teil der Komödie Single Bells (23. 12., 21.50, ORF 2), schmückt das ORF-Weihnachtsprogramm. Ob hingegen Taxi Orange eine Fortsetzung findet, wird am Küniglberg offiziell erst Mitte Jänner entschieden. STANDARD: Sie drehen seit den frühen 80ern Fernsehfilme. Wie fällt Ihr Vergleich damals - heute aus? Schwarzenberger : Traurig. Damals konnte man noch Geschichten erzählen. Da hat niemand auf Quoten geschielt. Und ob der Generalintendant rechtslastig oder sonst wo lastig war: Das war ganz wurscht. Es konnten auch so genannte linke Geschichten erzählt werden. STANDARD: Und heute? Schwarzenberger : Auf die Quote wird ganz offensichtlich Rücksicht genommen. STANDARD: Können Sie konkrete Beispiele nennen? Schwarzenberger : Ja, Taxi Orange. Warum muss diese geistige Selbstverstümmelung in einem öffentlich-rechtlichen Sender gezeigt werden? STANDARD: Es soll angeblich ein "Bedürfnis" danach gegeben haben. Schwarzenberger : Ja, und jemand hat gesagt, dass nur die weltoffenen Menschen Taxi Orange verstehen. Lauter Phrasen. Wenn an einem Abend in einem Programm Taxi Orange läuft und im anderen Schlosshotel Orth, dann halte ich das, mit Verlaub, für einen Tiefpunkt der Programmgestaltung. Ich lass’ mir einreden, dass auf einem Sender ein Jodelprogramm läuft, aber am anderen muss eine Alternative für den halbwegs Mündigen angeboten werden. STANDARD: Wirklich mündige Österreicher werden antworten: Warum suchen Sie sich keinen anderen Sender? Schwarzenberger : Für mich ist die Situation im ORF ja gut. Ich behaupte: Wir versuchen eine gewisse Art von Qualität zu erzeugen. Wir werden in Ruhe gelassen. Dürfen vollkommen autonom arbeiten. Und das Ergebnis: Die so genannten Quoten sind gut. STANDARD: Sie bemängeln also den Kampf um die Einschaltziffer, gestehen aber ein, auf die Quote zu schauen? Schwarzenberger : Fernsehen wird gemacht, um gesehen zu werden. Auch Filmemacher brauchen Quoten: Schaut sich niemand die TV- Filme an, dann werden sie irgendwann einmal nicht mehr produziert. STANDARD: Ein guter Film wird auch im TV sein Publikum haben, der muss aber noch nicht voller Kompromisse sein. Wie weit passen Sie sich an? Schwarzenberger : Filmemachen ist ein bisschen so wie Fußball: Wenn eine Mannschaft lange vor null Publikum spielt, wird sie irgendwann einmal aufhören. Ich finde, ich mache den Unterschied, den Sie da ansprechen: Ich muss mich nicht nach Marktkriterien richten. STANDARD: Das stimmt so nicht: Sie sagen selbst, sie brauchen Quoten. Also richten Sie sich auch nach dem Markt. Schwarzenberger : Wenn Sie so wollen: aber unter der Prämisse einer gewissen Qualität. Ich habe kein Rezept für Einschaltziffern, aber es gelingt halt eben meistens. Es ist vielleicht auch Glück dabei. STANDARD: Kann man sich bei zwei Fernsehfilmen im Jahr immer so sicher sein? Schwarzenberger : Das ist für mich kein Problem. Im Gegenteil: Manchmal mache ich einen dritten. Filmemachen ist bitteres Handwerk. Die Kontinuität des Machens ist wichtig, wer lange keinen Film macht, kommt aus der Übung. STANDARD: Was wollen Sie bewirken mit Ihrer Taxi-Orange-Kritik? Läuterung? Schwarzenberger : Ich bin kein Kulturpolitiker. Ich war nur geschockt durch die unbeschreibliche Banalität dieser Sendung. Aber vielleicht sollte man demgegenüber gelassener sein, wie unser Bundeskanzler immer sagt. Wie auch Regierungen kommen und gehen, werden sich auch so genannte Fernsehtrends wieder verabschieden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 12. 2000)