Möglicherweise hat es Jörg Haider bereits geahnt, als er am Donnerstagvormittag eine "Überraschung" für die Kandidatenliste der Wiener FPÖ in Aussicht stellte: Ein paar Stunden später hat die Disziplinarkommission die Suspendierungen von acht Wiener Polizeibeamten bestätigt. Für Hilmar Kabas, den Parteichef in Wien, schlechte Nachrichten. Diese Polizisten, so der Verdacht, sollen der FPÖ vertrauliches Material zugespielt haben. Über Jahre, systematisch und gegen Bezahlung. Glaubt man den Aussagen des ehemaligen FP-Polizeigewerkschafters Josef Kleindienst, dann hat Kabas selbst den Auftrag dazu gegeben und für die Bezahlung gesorgt. Mit einer Anklage belastet, wäre Kabas als Spitzenkandidat im Wiener Wahlkampf wohl untragbar. Die Partei ist daher gut beraten, sich rechtzeitig nach einer Alternative umzusehen. Das tut sie auch, allerdings sperrt sich die Wiener Landesgruppe vehement gegen einen Eingriff von oben. Als eine der wenigen Landesgruppen ist die Wiener FPÖ tatsächlich eigenständig. Stuhl von Kabas wackelt Bisher war es weder Jörg Haider noch seiner Nachfolgerin Susanne Riess-Passer gelungen, den Wienern dreinzureden. An Kabas' Sessel wird schon lange und intensiv, aber erfolglos gesägt. Kabas verfügt in Wien über Einfluss, eine loyale Mannschaft und, vielleicht noch wichtiger, sehr viel Parteigeld. Sein Ende scheint dennoch nahe: Das einfache Parteimitglied Jörg Haider hat mit seiner Ansage wieder an der Uhr gedreht und die Nachfolgediskussion angeheizt. Offensichtlich sehr bewusst. Ein Debakel für die FPÖ in Wien wäre auch für die Bundespartei eine Katastrophe. Hilmar Kabas scheint der Garant dafür zu sein. Sollte sich Riess-Passer nicht durchsetzen können, kann sie nur auf eine rasche Anklageerhebung und damit auf einen Neubeginn in Wien hoffen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 22. 12. 2000)