Als 14-Jährige hat K.W. begonnen, schießen zu lernen. Es hat ihr wenig genützt. Die heute 35-jährige Albanerin hätte gern Jus studiert, wofür gute Noten in militärischer Ausbildung eine wichtige, aber keine hinreichende Voraussetzung waren während der Diktatur Enver Hoxhas. "Die Emanzipation der Frau: das hieß, so zu werden wie die Männer" - und sei neben der Abschaffung des Analphabetismus eine der politischen Leitlinien gewesen: "Wir haben viele Stunden mit dem Gewehr geübt." Aber für die Zulassung zum Jus-Studium waren vor allem tadellose Verhaltensnoten der Verwandtschaft gefragt: "Mein Vater" (ein hochrangiger Militär, Red.) verstand sich als Patriot. Aber für die Diktatur war er zu wenig patriotisch." Sein Onkel habe als abtrünnig gegolten, weil er sich angeblich in den 60er-Jahren nach Jugoslawien abgesetzt hatte. Tatsache ist, dass er verschwunden war; K. W. glaubt, er habe den Fehler begangen, eine Frau heiraten zu wollen, die bereits "verkauft" war. Für den "abtrünnigen" Verwandten wandert der Vater von K. W. 1983 ins Gefängnis, wo er zwei Jahre später starb. "Ich weiß bis heute nicht, woran." Nach ihrem doch noch genehmigten Studium für Albanisch und Literaturwissenschaft - "Ich hatte positive Aufsätze über Hoxha geschrieben" - arbeitet sie als Lehrerin, heiratet und bringt eine Tochter zur Welt. Die große Fluchtbewegung nach dem Ende der Diktatur erlebt sie im Sommer 1991, während ihres Urlaubs in der Adria-Hafenstadt Durrës. Viele Botschaften stellten damals formlos Asylbescheide aus, aber K. W. hatte Angst vor Sanktionen: Auch ihr Mann war Militärbeamter. Unerträglich wird es für sie nach dem Zusammenbruch der "Pyramidenspiele", der betrügerischen Geldleihfirmen 1997. Ihr Mann wird in die Stadt Flora geschickt, um die öffentliche Ordnung wieder herzustellen, und dort ermordet. K. W. wird bedroht. Für 3000 US-Dollar kommen sie und ihre Tochter mit einem Lkw nach Traiskirchen: "Wir waren die Einzigen aus Albanien." Am nächsten Tag sei der Chef der Gefängnisverwaltung von Tirana gefolgt. In Innsbruck heiratete sie erneut. Als die Beamten sie eine Woche später abholen wollten, "hat mein Mann geöffnet". K. W. hat mittlerweile ein Visum bis 2002 und arbeitet u.a. für eine albanische Tageszeitung in Zürich. "Ich kann nicht alles erzählen", bremst sie die Neugier. "Unsere Erlebnisse dienen der zeitgeschichtlichen Dokumentation. Und daran arbeite ich." (Benedikt Sauer) (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 22.12. 2000)